1. Nachrichten
  2. Kultur

Vom Ausmalen des Unsichtbaren

Vom Ausmalen des Unsichtbaren

Stadtgalerie-Direktorin Andrea Jahn bleibt ihrem Ausstellungskonzept treu, aktuelle, künstlerisch nicht längst abgegraste Positionen zu zeigen. Im Falle von Heribert Friedl und Takehito Koganezawa geht dies zumindest teilweise gut auf.

Gestern Nacht war Vollmond. Fast könnte man da versucht sein, die Lichtzeichnungen von Takehito Koganezawa mit einer eigenen Kamera nachzuahmen. Was da im Innenhof der Stadtgalerie hängt, ist eine Serie langzeitbelichteter, verzerrter Vollmondfotos. Weshalb sie aussehen wie Aufnahmen von Lichtwürmern oder Mikroben. Und in den Leuchtkästen, die dem Haus einen weiteren Ausstellungsort bescheren, erst im Dunkeln zum Tragen kommen. (Bis 24 Uhr ist der Hof geöffnet.)

Drinnen empfängt einen im kegelförmig zulaufenden ersten Galerieraum eine Rauminstallation des Österreichers Heribert Friedl (46) aus brusthoch an der Längswand entlang gestapelten Kleidern aus Beständen der Diakonie: Spenden von Saarbrücker Bürgern, die Friedl zweckentfremdete, ehe sie später dann irgendwo von Verlierern des Weltkapitalismus endgültig abgetragen werden. Künstlerisch ist das nichts Neues. Friedl reicht nicht ansatzweise an Christian Boltanski heran, der 2010 im Pariser Grand Palais das Medium Kleidung zur Symbolisierung abwesender Körper überwältigend ins Bild gesetzt hat.

Das schwingt bei Friedl zwar mit, vor allem aber orchestriert er Gerüche und unterwandert damit unser herkömmliches künstlerisches Sensorium. Möglich, dass der ein oder andere Besucher sein entsorgtes Hemd oder Kleid in dieser akkurat geschichteten Baumwollmauer wiedererkennt. Nur vereinzelt steigen aus ihr Geruchsspuren auf: Nicht jeder wäscht seine ausgemusterten Tragehäute, bevor er sie in den Container gibt. Zur Mitte hin lässt sich ein olfaktorisches Kneipen-Areal ausmachen, in dem abgestandener Rauch und Thekenmuff konserviert scheinen.

Interessanter als seine Kleiderskulptur ist Friedls zweite Arbeit "Sarabriga", die auf Saarbrückens keltische Ursprünge zurückverweist: Man betritt einen leeren weißen Raum. Nach der Abwesenheit von Körpern nun die von Kunst? Nein, an der Längswand zeichnen sich runenartige Zeichen ab. Abordnungen eines synthetischen Geruchsalphabets. Fährt man, was ausdrücklich erwünscht ist, mit dem Finger über die Zeichen, sondern sie Gerüche ab, weil Friedl seine Lasur mit Geruchsstoffen angerührt hat, die bei Abrieb freigesetzt werden: Terpentin, Putzmittel, Milchsäure, Tannenduft oder so ähnlich. Jeder hat da seine eigenen Erinnerungskurzschlüsse, womit diese ziemlich kommunikative Arbeit spielt. Keine Erinnerungskammer arbeitet verlässlicher als unser Geruchsarchiv. Ein einziger Duft baut eine ganze innere Landschaft wieder auf. Was Friedl zum Ausmaler des Unsichtbaren macht.

Die obere Etage füllt der in Berlin lebende Japaner Takehito Koganezawa (41). Der erste Raum ist ein Ereignis: eine vierteilige Videogroßprojektion aus Fingerstrichzeichnungen auf mit einer Crèmemasse bestrichenen Glasplatten. 444 Minuten erzählt diese sich unentwegt übermalende Vergänglichkeitsinstallation vom ewigen Kreislauf aus Kommen und Gehen. Auf den Boden setzen, wirken lassen. Banaler fällt die zweite Videoarbeit aus: Mit Farbpunkten durchtränkte Seiten eines Notizbuchs (Koganezawas Berliner Galerie verkauft die Unikate zu 7000 Euro das Stück) lässt er daumenkinohaft aufflackern, wegspringen, wie fahrende Rücklichter im Papierweißraum verschwinden.

In "Other Person's Shoe", seiner jüngsten, hier erstmals gezeigten Rauminstallation, gelingt Koganezawa eine bemerkenswert tragfähige ästhetische Auseinandersetzung mit IS-Hinrichtungsvideos. Ausgehend von zwei Standbildern, aufgenommen vor der Enthauptung eines Japaners im Januar 2015, hat er in zwei Dioramen die karge Landschaft nachgebaut, in der der Japaner vor einem IS-Krieger niederknien musste. Eine Live-Cam, die nur im Kopf des Betrachters unweigerlich die Hinrichtungsszene (und den ganzen IS-Horror) als Gedankenfilm abspielt, projiziert die Miniatur als Standbild täuschend echt auf eine Schaubudenwand. Aus ihr wurden (wie man es auf Rummelplätzen von den Märchenfiguren-Schablonen kennt) die Köpfe von Opfer und Täter ausgesägt. Beredter kann eine künstlerische Leerstelle nicht auf uns alle zurückverweisen.

Bis 24. April. Di bis Fr: 12-18 Uhr, Sa-So: 11-18 Uhr.