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Neues saarländisches Literaturportal: Vollbracht: Der „Oberhauser aus dem Internet“

Neues saarländisches Literaturportal : Vollbracht: Der „Oberhauser aus dem Internet“

Knapp 300 Autoren und gut 50 Orte: Das neue Literaturportal „Literaturland Saar“ ist eine große Fundgrube und hat viele Nutzer verdient.

Wo soll man anfangen? Vielleicht mit einem Satz Gabriele Oberhausers, die im Begleitfilm zum neuen Literaturportal Saar Sinn und Zweck dieses nicht genug zu rühmenden Projekts bündig so beschreibt: „Wir wollen die Leute ins Land bringen.“ Als literarische Spurensucher. Und man diesen Satz kombiniert mit einem anderen – einem ihres im Februar 2016 verstorbenen Mannes Fred Oberhauser, dieses unvergesslichen Seismographen literarischen Lebens: „Man muss nur die Seitenwege gehen.“ Wer das Saarland verstehen will, tut gut daran, nicht den direkten Weg zu gehen, der nur zu Allgemeinplätzen und Abziehbildern führt.

Nur auf den Seitenwegen lassen sich Entdeckungen machen. Wie überhaupt erst zur Seite treten muss, wer die Hauptsachen wieder in den Blick nehmen und erkennen will. Und weil die Spezialisten für das Randständige, das in Wahrheit oft das Wesentliche birgt, eben nicht zuletzt Schriftsteller sind, hing Fred Oberhauser bis zu seinem Tod am 7. Februar 2016 der Idee an, eine literarische Topographie seiner saarländischen Heimat zu verfassen, um darin der Wechselwirkung zwischen Autoren und ihren Lebens­orten auf den Grund zu gehen. Modellhaft hat er noch am Beispiel St. Wendels ausgearbeitet, was dies meinte: den Geist eines Ortes aus der mit ihm verbundenen Literatur herauszudestillieren, die diesem meist sehr viel gerechter wird als die sonstigen Hochglanzsäuseleien.

Fred Oberhauser schwebte eine regionale Version seines zusammen mit seiner Frau herausgegebenen legendären Topographie-Bandes „Literarischer Führer durch die Bundesrepublik“ (in Fachkreisen nur „der Oberhauser“ genannt) vor – sprich eine Art Literatur-Baedecker fürs Saarland. Sohn Martin überzeugte den passionierten Papiermenschen Fred, dass ein regionales Literaturportal im Netz dafür ideal sei: ein digitaler Wissensspeicher, der sich fortlaufend aktualisieren lässt und also nicht schon bei seinem Erscheinen überholt ist. Nach Fred Oberhausers Tod machten sich seine Frau Gabriele und Sohn Martin zusammen mit dem langjährigen SR-Kulturjournalisten Rainer Petto an die Realisierung des Projekts. Morgen, einige tausend Arbeitsstunden nach den ersten, vor gut zwei Jahren Gestalt angenommen habenden Projekt-Umrissen, wird dieser „Oberhauser aus dem Internet“ nun offiziell freigeschaltet. Und weil das Saarland nun mal gottlob mehr als nur ein Autoland ist, darf man das durchaus ein Ereignis nennen. Zumal das Projekt wahrlich unter keinem Provinzialismusverdacht steht.

Irgendwann habe er aufgehört, die Stunden zu zählen, die in das Projekt „Literaturland Saar“ flossen, sagt Rainer Petto, zusammen mit Gabriele Oberhauser Herausgeber des neuen Literaturportals, dessen grafische und technische Realisation Martin Oberhauser mit seiner Saarbrücker Agentur für Marketing und Digitale Medien FBO übernahm. Alleine rund 300 Autoren (!), die über die Jahrhunderte an der Saar lebten oder Bezüge in die Region hatten (und haben), listet das Portal in vorbildlicher, alphabetisch geordneter und unzählige Querverweise ermöglichender Übersichtlichkeit auf. Um ins Thema einzusteigen, offeriert die Menüleiste auf der Startseite vier unterschiedliche Erkundungswege: die Navigation über 1) Autoren, 2) Orte, 3) Themen oder 4) den Institutionen, Archive oder Wanderwege bündelnden Bereich Service.Damit zeigt sich gleich ein wesentlicher Vorzug dieses in dieser Form wohl deutschlandweit umfänglichsten regionalen Literaturportals: Seine Macher haben es bewusst so konzipiert, dass auch nicht-versierte Laien sich mühelos zurechtfinden. Kein Vorwissen ist nötig, um den ebenso knappen wie fundierten Erläuterungen zu folgen. Niemand wird mit gewaltigen Textmassen erschlagen. Fotografien, Hörbeispiele, Zitate und Videos illustrieren die Beiträge – Massenkompatibilität ist insoweit durchaus Programm. 2018 sollen fünf Filme via QR-Code für Interessierte etwa an einzelnen literaturhistorisch bedeutenden Schauplätzen vor Ort als Download abrufbar sein.

Auch wenn man sich nicht der Illusion hingeben sollte, dass das Saarland von den hier Lebenden (oder seinen Besuchern) künftig vorzugsweise unter literarischen Vorzeichen auf Herz und Nieren geprüft wird: Das Portal lässt sich als interaktive literarische Landkarte und Handreichung für vertiefende Erkundungsgänge in heimischen Bibliotheken wie auch ganz konkret vor Ort begreifen. Und ist mit einem Wort ein Stück detektivischer kultureller Heimatkunde. Und dabei als work in progress zu verstehen: Von den sechs Landkreisen fehlt Saarlouis bislang noch weitgehend, während das Kapitel zum Saarpfalzkreis abgeschlossen ist. Auch reklamieren Oberhauser und Petto keinerlei Vollständigkeit bei den Autoren. „Etwa 50 werden sicher noch hinzukommen“, meint Petto. Diverse Gewährsleute (etwa Ralph Schock, Klaus Behringer oder Hermann Gätje), Bibliothekare, Archivare und mitschreibende Projekthelfer halfen – etwa der Literaturwissenschaftler Rainer Marx, der einen erhellenden Beitrag zur allem zugrundeliegenden Literaturtopographie Fred Oberhausers beigesteuert hat, oder Martin Baus, Roland Schmitt, Inge Plettenberg und Helmut Grein (als Autoren der Einführungen zu den Landkreisen).

Dass der Teufel wie immer im Detail steckt, mussten die Portalköpfe Rainer Petto, Gabriele und Martin Oberhauser immer wieder erleiden: Für jedes Foto, jedes Zitat, jede Filmeinstellung waren etwa komplexe Urheberrechtsfragen zu klären, die – da, wo sie ins Leere gingen oder Risiken zeitigten – der gewünschten Intermedialität des Projekts Grenzen setzten. Auch wenn der ein oder andere literarische Oberlehrer sicher noch manche Leerstelle oder Schieflage ausmachen wird, die die Herausgeber jeweils zu prüfen versprechen: Nicht nur ihre Selbstverpflichtung, das Portal zehn Jahre lang zu pflegen und zu komplettieren, verdient größten Respekt. Sondern auch, dass sie dem Saarland mit ihrem vom Kultusministerium, der ME-Stiftung und FBO mitfinanzierten Mammutwerk ganz nebenbei auch „ein Geschenk zu seinem 60. Geburtstag machen wollen“, so Martin Oberhauser.

Im Editorial liest man, dass „das Portal auch durch Hinweise auf aktuelle literarische Veranstaltungen, durch die Veröffentlichung von Texten junger Autoren und erweiterte Serviceangebote noch viele Jahre lang lebendig erhalten werden“ soll. Weshalb auch nach Onlinegehen Spenden willkommen sind. Nur zu!

Das Portal ist ab morgen abrufbar
unter: www.literaturland-saar.de

Macher des Literaturportals: Kunsthistorikerin Gabriele Oberhauser, Journalist Rainer Petto, Kommunikationsdesigner Martin Oberhauser. Foto: David Oberhauser/Agentur fbo/David Oberhauser

Unter dem Titel „Fred“ erscheint heute, parallel zum Start des Literaturportals, ein Erinnerungsbuch an Fred Oberhauser mit Texten von Freunden, herausgegeben von dessen Sohn Stephan Oberhauser.