Volkstheater in der St. Arnualer Kettenfabrik kehrt mit Martin Leutgeb wieder

Neues Bühnenprojekt . : Der Schlüssel zur saarländischen Seele

Warum der frühere Staatstheater-Schauspieler Martin Leutgeb in St.Arnual ein Mundart-Volkstheater etablieren will.

Es ist zum Heulen, und gleichzeitig zum Hurraschreien. Das Publikum wird ihn zwar wiedersehen, „seinen“ Martin Leutgeb (52), der viel zu kurz am Saarländischen Staatstheater spielte, nur sechs Jahre lang, von 1999 bis 2005. Aber wie er das tat! So urgewaltig, so emotionendurchglüht, dass man seinen Namen mit dem Begriff „Rampensau“ paarte – in seinem Fall ein Ehrentitel.

Nun also kehrt dieser Mann zurück, der zudem als Ideengeber und Amateurdarsteller-Förderer beim Neunkircher Musicalprojektes zu einer Motivations- und Sympathiefigur sondergleichen wurde. Aber man wird ihn nicht auf der Bühne sehen, höchstens beim Schlussapplaus. Denn Leutgeb kommt nicht als Darsteller, sondern als Regisseur wieder. In die Kettenfabrik St. Arnual, wo er vor fünf Jahren Abenteuerliches wagte und jetzt wiederholt. „Erde“ heißt die zweite Produktion, die an Ostern Premiere hat. Wieder steht „Volkstheater“ über diesem frei produzierten und ebenso finanzierten Projekt, dessen Realisierung so ewig lange warten musste, weil in der Kettenfabrik zuerst baurechtliche Probleme zu lösen waren. Dann brach die Truppe teilweise auseinander, das verursachte Besetzungsprobleme, und dann wies auch Leutgebs Terminkalender kaum mehr Lücken auf.

Doch „Geduld“ hatte Leutgeb bereits 2015 angekündigt, weil das „Volkstheater in der Kettenfabrik“ ein Herzenswunsch war und er den Spielort für ideal hielt, die historische, dörfliche Umgebung vor den Toren der Großstadt, die zu den erdigen Stücken passt, die er mag. Zugleich wird die saturierte St. Arnualer Beschaulichkeit durch das ruppige Ambiente einer alten Fabrikhalle der Kettenfabrik gebrochen, die eine Eigentümergemeinschaft .bewohnt. Ohne deren kulturelle Passion ginge nichts. Jedenfalls gelang Leutgebs Truppe dort 2014 ungewöhnlich pures Theater mit Retro-Charme – es schlug wie ein Blitz ein. Dabei wollte Leutgeb seinen hiesigen Theateramateuren nur beweisen, dass die schambehaftete Distanz vieler Saarländer zu ihrer Mundart völlig unangemessen ist. Er, der stolze Tiroler, kannte Dialektstücke mit Tiefe und Parabeltauglichkeit. Also ließ er das Dorf-Drama „Frau Suitner“ des Heimatautors Karl Schönherr (1867-1943) ins Saarländische übertragen und von einer durch ihn trainierten semiprofessionellen Truppe in quais privatem Rahmen aufführen. Auch „Erde“ stammt wieder von Schönherr.

„Mundart ist der Schlüssel zur Seele“, sagt Leutgeb auch jetzt wieder. Er, der zwischenzeitlich Vielbeschäftigte im österreichischen  Fernsehen („Soko Kitzbühel“, „Die Bergretter“, „Tatort“), ist zu einer ersten Probensession angereist, die in den Räumen des Sulzbacher Kellertheaters stattfindet. Leseproben fanden per Skype statt, die Truppe muss viel selbst leisten, Leutgebs Terminplan erlaubt nur noch zwei weitere Besuche vor der Premiere an Ostern.

Wir sitzen uns in einem Saarbrücker Café gegenüber, Leutgeb ist ganz der Alte, er strotzt vor Liebenswürdigkeit und Temperament, redet sich in Rage über die „gruselige“ politische Situation, die Rechten nicht nur in Österreich; erzählt mit fast kindlicher Freude von seiner Tanzleidenschaft, die er in Wien, wo er wohnt, exzessiv auf Bällen auslebt – sogar in der Hofburg, mit der 90 Jahre alten Mama. Da tauchen alte Bilder wieder auf, vom Dauerbrenner im damaligen Theater Arnual „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (2005), die Zuschauer lagen Leutgeb zu Füßen, ach ja. Wer ihn jetzt tanzen sehen will, muss den ORF einschalten. Leutgeb wurde für die Live-Show „Dancing Stars“ gecastet, die am 15. März startet. Und nein, sagt er, er vermisse die Charakterdarsteller-Starrolle, die er einst in Saarbrücken hatte, nicht, obwohl er jetzt im Fernsehen hauptsächlich als Nebenfigur agiert und es noch nicht zu einer Serien-Hauptrolle gereicht hat. Anerkennung und Wertschätzung bekomme er durch die Filmteams, meint er. Und seine Kreativität lebt er dann eben im Saarland aus: „Es ist ein bisschen wie heimkommen“.

Nirgendwo gehe ihm dies so, nicht in Innsbruck, nicht in Stuttgart, wo er ebenfalls Jahre lang Ensemblemitglied war. „Ich habe nirgendwo so viele positive Kontakte behalten wie hier.“ Nicht nur zu Neunkircher Mitstreitern, die er jetzt wieder bei „Erde“ besetzt hat. Leutgeb traf beispielsweise 2018 beim 75. Geburtstag des früheren Saarbrücker Intendanten Kurt Josef Schildknecht mit einigen SST-Sponsorclub-Mitgliedern zusammen. Zudem sorgt der kaufmännische Direktor des Saarbrücker Hauses, Matthias Almstedt, für Ausstattungs-Unterstützung für die St. Arnualer Aufführung.

Was wird man dort beim Vater-Sohn-Stück „Erde“ (1907), das Urkonflikte rund um das Thema Besitz und Loslassen verhandelt, erleben? Wieder einen direkten Abend mit Live-Musik, bei dem man die Emotionen „riechen“ kann, wie Leutgeb das formuliert. Wieder wird eine Arena-Situation geschaffen, die 80 Zuschauer sitzen rechts und links eines Bühnen-Stegs und bestimmen ihren eigenen Fokus, können sich, wie in einem Film, eigene „Cuts“ aus dem Bühnengeschehen wählen. Und dürfen ausprobieren, ob sie für ein alternatives  Heimatgefühl offen und reif sind.

Premiere am 20.April, außerdem am 22., 27. und 28. April; 5., 10., 11. und 12. Mai. Karten im Vorverkauf in Veras Laden, Arnulfstr. 17, 66119 Saarbrücken, Tel. (06 81) 85 66 66 oder unter (01 70) 202 92 38. www.volkstheater-kettenfabrik.de

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