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Viele Veranstalter stehen vor dem Aus, hoffen aber auf Buchungen 2021.

Veranstaltungsagenturen in der Corona-Krise : Zum Konzert ins Netz oder an die frische Luft

Bei den ersten Coronahilfen sind Künstleragenturen durch das Raster gefallen, viele stehen kurz vor dem Aus. Nun hoffen sie auf Open-Airs im Sommer und neue Freiheiten durch die Impfungen.

Als Constanze Pfeiffer Ende des Jahres 2011 von Hamburg nach Uhldingen zog, waren viele Freunde besorgt, dass sie in der Provinz am Bodensee keine Aufträge mehr bekommen könnte. Das Leben in der Großstadt war für die Konstanzerin nach fünfzehn Jahren zu hektisch geworden. Mit ihrer Agentur „Chateau du pop music promotion“ arbeitet sie im Jazz- und Popbereich und sorgt dafür, dass die neuen Alben der internationalen Künstlerinnen und Künstler maximale Aufmerksamkeit erhalten. Sie hatte sich in Hamburg ein großes Netzwerk aufgebaut, so dass sie ihre Kontakte mit an den Bodensee nehmen konnte. Das Geschäft lief aber für die Soloselbständige in ihrer alten Heimat noch besser als zuvor. 2020 war nun aber mit Abstand das schlechteste Jahr.

„Der Herbst, aber auch der Winter mit seinem Weihnachtsgeschäft ist normalerweise die stärkste Zeit mit vielen Aufträgen. Aber da die Bands nicht live spielen können, wurden auch viele Albumveröffentlichungen verschoben.“ Von Frühjahr bis Herbst hatte sie so gut wie keine Arbeit, konnte aber mit der Soforthilfe des Bundes über die Runden kommen. Mit der Promotion für das neue Album von Pat Metheny ist nun wieder ein größerer Auftrag da. Trotzdem blickt sie eher düster in die Zukunft. „Das Jahr 2020 ist für mich eine Zäsur. Das Clubsterben wird in der Zukunft weitergehen. In der Branche wird man noch mehr auf große Namen und Mainstream setzen. Und viele werden Angst haben, wieder auf Konzerte zu gehen.“

Dieter Bös steht in der Nahrungskette der Musikindustrie eine Stufe weiter oben. Normalerweise versorgt der Booking-Manager und Mitgründer von Kokon Entertainment Festivals wie „Brasswiesn“ in Eching oder das „Markdorf Open-Air“ mit Künstlern. 2020 konnte auch er kaum Geld verdienen. „Im Augenblick lebe ich vom Ersparten“, sagt Bös. Aber sein Blick ins nächste Jahr fällt positiver aus. „Es muss weitergehen! Wichtig ist, dass alles am Leben bleibt.“ Mit Open-Airs im Sommer werde es losgehen. Für Konstanz ist am 18. Juli in Klein-Venedig Mark Forster gebucht. Das um ein Jahr verschobene Hohentwiel Festival beginnt am gleichen Tag. Es werde ein paar Jahre dauern, bis der Musikbetrieb wieder normal laufe. Durch die vielen Absagen und Verschiebungen gebe es eine Bugwelle, die man erst abarbeiten müsse. Wegen der bevorstehenden Impfungen ist er aber zuversichtlich, dass die Musikfans wieder in Konzerte kommen: „Die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Kunstgenuss ist groß!“

Rund 450 Mitglieder hat der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), davon gehört rund ein Drittel zur Sparte Künstlervermittlung. Bei den ersten Coronahilfen seien die Künstleragenturen durch das Raster gefallen, sagt BDKV-Präsident Jens Michow. Man sei im Gespräch mit der Politik, um die Unterstützung den Bedürfnissen genauer anzupassen. Künstler- und Bookingagenturen werden in der Regel auf Provisionsbasis bezahlt. Geld verdient die Agentur nur, wenn das Konzert des vermittelten Künstlers stattgefunden hat. Fällt es aus, bleibt die Arbeit, die meist ein bis zwei Jahre im Voraus erfolgte, unbezahlt. Ein Geschäftsmodell, das bereits große internationale Agenturen wie Hazard Chase in England und Columbia Artists Management in den USA in die Insolvenz getrieben hat. Während die Booker im Popbereich mit dem Management der Künstler verhandeln, sind Agenturen in der Klassik zugleich Berater und Manager ihrer Künstler und Ensembles.

Die Konzertdirektion Schmid gehört mit ihren 35 festangestellten Mitarbeitern in Hannover, Berlin und London und Künstlern wie dem Dirigenten Andris Nelsons oder dem Pianisten Grigory Sokolov zu den größten Künstleragenturen Deutschlands. Normalerweise sind internationale Orchestertourneen ihr wichtigstes Betätigungsfeld – bis in die Saison 2022/23 findet man die Tourneepläne auf der Website. Dieser Geschäftsbereich ist vergangenen Sommer nahezu komplett ausgefallen. Ein wenig verdient die Agentur derzeit mit der Vermittlung von Streamingangeboten und einzelnen Konzerten in Asien. Die Kurzarbeit hilft zu überleben. Man zehrt von den Rücklagen. „Bis zum nächsten Sommer kommen wir über die Runden. Und dann hoffen wir, dass das Konzertleben wieder in größerem Ausmaß beginnt“, sagt Geschäftsführerin Cornelia Schmid. Von der Regierung ist sie enttäuscht: „Man hatte keine Zeit und vielleicht auch keine Lust, sich mit der sehr differenzierten Kulturbranche auseinanderzusetzen.“ Die internationale Agentur Harrison Parrott in London, Paris und München (unter anderem Lisa Batiashvili, Paavo Järvi, Maurizio Pollini) ist mit ihren 80 Festangestellten noch eine Nummer größer. Sabine Frank leitet das deutsche Büro und muss mit ihrem in Kurzarbeit beschäftigten Team in diesem Jahr vor allem Verträge auflösen, Termine verschieben, Programme umdisponieren und Reise- und Quarantänebestimmungen erforschen. „Der digitale Konzertsaal wird an Bedeutung gewinnen. Außerdem werden wir noch mehr beratend tätig sein. Die Themen Inklusivität und soziale Relevanz von Musik stehen nach der Krise sicherlich stärker im Fokus“, sagt Frank.

Die PR-Agenturen im Klassikbereich spürten die Coronakrise finanziell erst ein wenig später, da sie in der Regel Saisonverträge mit den Künstlern vereinbaren. Auch Bettina Schimmer hatte mit ihren drei Mitarbeiterinnen viel zu tun, sie koordinierten Radiotermine und schrieben Texte für Projekte, die dann doch wieder verschoben wurden. „Das An- und Abstellen des Betriebs ist im Kulturbereich äußerst problematisch, weil alles sehr langfristig geplant ist“, sagt die in Köln lebende PR-Managerin. Ihr Blick auf 2021 ist skeptisch. „Wir merken schon jetzt an Aufträgen für das nächste Jahr, dass die Kulturetats gekürzt werden. Ich habe die Sorge, dass in Zukunft viele kleine, weniger lukrative Kammermusikreihen ganz wegfallen werden und so der Nährboden für die Vielfalt fehlt. Dass in Zukunft die Kultur etwas lokaler wird, prophezeien alle drei Szenekennerinnen.

Karsten Jahnke hat mit seinen 83 Jahren und 60-jähriger Berufserfahrung schon viel erlebt im Musikgeschäft. „Aber so etwas habe ich mir in den schlimmsten Träumen nicht vorstellen können“, sagt der umtriebige Geschäftsführer. Seine Hamburger Konzertdirektion mit 35 Festangestellten ist Veranstalter, vermittelt aber auch Künstler aus dem Jazz- und Popbereich. Zweimal musste er die Tournee von Pat Metheny schon verschieben – sie ist nun auf Mai 2022 angesetzt.

Das größte Problem sei derzeit, dass die Hallen schon weit im Voraus gebucht seien und man kaum Termine für verlegte Konzerte bekomme. Mit den staatlichen Hilfen ist er aber zufrieden. „Von den bereits verkauften Karten möchten nur zehn Prozent des Publikums ihr Geld wieder – das hilft uns auch. Bei neu angesetzten Konzerten herrscht aber große Zurückhaltung.“ Auch er möchte im Herbst 2021 wieder durchstarten. Die Ankündigung von Finanzminister Olaf Scholz, dass der Staat ab der zweiten Jahreshälfte 2021 eine Kostenerstattungsgarantie für Konzerte übernehme, die wegen Coronabeschränkungen ausfallen müssen, begrüßt er. „Dann könnten wir auch den Künstlern die Gage bezahlen.“