1. Nachrichten
  2. Kultur

Viele sehen die Meinungsfreiheit massiv bedroht.

Heftige Diskussion : „Cancel Culture“ – Tatsache oder Kampfbegriff?

Shitstorms im Netz, Blockade von Vorträgen – auch viele linke Intellektuelle wie etwa Noam Chomsky sehen die Meinungsfreiheit massiv bedroht.

Der Begriff „Cancel Culture“ (Kultur des Absagens) bezeichnet den Versuch, angeblich diskriminierendes oder beleidigendes Verhalten öffentlich zu ächten. Im Internet wird zum Boykott von Vorträgen, Vorlesungen oder Werken der „gecancelten“ Person aufgerufen. Sie soll ihre Wirkungsmöglichkeiten und gegebenenfalls ihre Anstellung verlieren. Entstanden ist der Begriff 2014 auf Twitter. Unter dem Hashtag #CancelCulture fordern meist links-identitäre Gruppen seither Veranstaltungs- und Berufsverbote sowie Boykotts von Wissenschaftlern, Publizisten und Künstlern, die ihrer Ansicht nach gegen die „Political Correctness“ verstoßen.

Besonders in den USA und in Großbritannien führte das schon zum Jobverlust. So sah sich der Meinungsseiten-Chef der „New York Times“, James Bennet, zum Rücktritt genötigt. Er hatte den Kommentar eines republikanischen Senators zu den Ausschreitungen nach dem Tod des Schwarzen George Floyd zu verantworten. Der Politiker hatte mit seiner Forderung nach einem Militäreinsatz gegen „Black Lives Matter“-Demonstranten Empörung auslöst. In Großbritannien musste der Lehrer Will Knowland im Eton-College seinen Platz am Pult räumen: Er hatte das Pro und Kontra der Gender-Theo­rien thematisiert und aus seiner Position keinen Hehl gemacht, dass es biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt.

Unter dem Stichwort „Cancel Culture“ werden auch in Deutschland Einschränkungen der Meinungsfreiheit diskutiert. So verhinderten kleine Gruppen Vorträge von Thomas de Maizière (CDU), Christian Lindner (FDP) und des Ökonomen Bernd Lucke (früher AfD). Studenten griffen Professoren wie Herfried Münckler, Jörg Baberowski und Susanne Schröter, deren Position im linken Spektrum aneckten, an und forderten ihre Absetzung.

Ein Teil der Linken kritisiert die Rede von der „Cancel Culture“ und bezweifelt, ob es eine Verbotskultur wirklich gibt. Und fürchten nicht diejenigen, die sie beschwören, eher den Verlust ihrer Meinungsführerschaft? Die Autorin Samira El Ouassil spricht von einem rechtspopulistischen „Kampfbegriff“. Andere halten den Begriff für zu vage, damit würden unterschiedliche Vorfälle in Verbindung gebracht. Aber auch viele linke Intellektuelle wie etwa Noam Chomsky sehen die Meinungsfreiheit massiv bedroht.