Das gute alte St. Wendeler Schwimmbad: Unendliche Bananenmilch

Das gute alte St. Wendeler Schwimmbad : Unendliche Bananenmilch

Die Unendlichkeit ist ja ein großes Mysterium und schwer zu begreifen – aber eines immerhin vermittelt einem doch die Ahnung von etwas, das ewiglich weitergeht: die Sommerferien der eigenen Jugend. Sechs Wochen Schulferien. 42 Tage. Ein sonnenbeschienener Monolith der Freiheit und Freizeit, ein schier unüberblickbarer Zeitraum, der nie zu enden schien.

Die Unendlichkeit ist ja ein großes Mysterium und schwer zu begreifen – aber eines immerhin vermittelt einem doch die Ahnung von etwas, das ewiglich weitergeht: die Sommerferien der eigenen Jugend. Sechs Wochen Schulferien. 42 Tage. Ein sonnenbeschienener Monolith der Freiheit und Freizeit, ein schier unüberblickbarer Zeitraum, der nie zu enden schien.

Das Zentrum der Sommerferien war, zumindest in meinem Fall, das St. Wendeler Schwimmbad, eine souveräne Schönheit. Als Kind paddelte ich im Plantschbecken und lag auf einer Luftmatratze mit einem Kniff: Im Kopfteil war der Kunststoff durchsichtig, so dass ich das knapp 22 Zentimeter tiefe Wasser beobachten konnte, als sei ich Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau. Dem Plantschbecken später entwachsen, standen mir die Segnungen des Bades in ihrer Gänze offen: eine rasante Rutsche, die einen für Sekundenbruchteile über das Wasser des Nichtschwimmerbeckens schlittern ließ; die berüchtigt eisige Dusche am Schwimmerbecken – hatte man deren grimmigen Guss überlebt, schien das Wasser im Becken so  wohl temperiert wie eine frisch eingelassene Badewanne. Auf der großen Wiese, mit Blick aufs Missionshaus, dämmerten zwei kleine Fußball­tore vor sich hin, nebenan döste eine enorme Betonröhre im Grün, die man durchklettern konnte (auch wenn das zarte Käsefuß-Aroma im Betonrund die Nase etwas irritierte).

Das kulinarische Zentrum war der Imbiss neben den Umkleiden, ein Raum der Verheißung, umflort von Fritteusenduft, mit Wurstweck und einem Schwimmbadklassiker: Bananenmilch, mit jenem künstlichen Aromastoff, der mit einer natürlichen Banane nichts zu schaffen hat, aber eben so schmeckt, wie Bananenmilch im Sommer im Schwimmbad eben schmecken muss. Neben dem Imbiss glühten Tische in der Sonne, an denen die alten Leute ihren Kaffee tranken – also Menschen über 20.

Deren Erwachsenen-Probleme, ob nun Geheimratsecken, bäuchlings erschlaffendes Bindegewebe oder die nächste Steuererklärung, waren noch unendlich weit entfernt. Man hatte seine goldene Kundenkarte in der kurzen Hose, die heilige „Saisonkarte“, der Rest war wurscht. Jahrzehnte später ist halt, wie so oft, alles anders. Dass auch Sommerferien nicht unendlich sind, hat man mittlerweile begriffen – zumal als klassischer Arbeitnehmer, der ab 12 Uhr mittags „Mahlzeit“ sagt, und dem 42 Tage Sommerurlaub wie ein ferner Traum erscheinen müssen. Unendlich ist außer der Unendlichkeit eben nichts, und auch das Bad der Jugend ist, wie man selbst, nicht mehr ganz dasselbe. Jüngst wurde es überarbeitet, manches wurde abgerissen (dankenswerterweise die allzu rustikale Männertoilette). Der Sprungturm schaut nun in eine andere Richtung, aber der alte Charme ist noch da. Nur nicht mehr dieses Gefühl des unendlichen Sommers. Aber dafür kann das Schwimmbad ja nichts.

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