"Tolkien" startet im Kino

Filmbiografie „Tolkien“ im Kino : Dichtung, Wahrheit und der „Herr der Ringe“

Der „Herr der Ringe“ und der „Kleine Hobbit“ sind die bekanntesten Werke des britischen Schriftstellers J.R.R. Tolkien. Nun wurde das Leben des Autors verfilmt. War er so interessant wie seine Romanfiguren?

„Ich habe etwas gegen diese moderne Tendenz in der Kritik, mit ihrem übertriebenen Interesse an den Einzelheiten aus dem Leben von Schriftstellern und Künstlern. Sie lenken nur die Aufmerksamkeit vom Werk eines Autors ab.“ Der Autor J.R.R. Tolkien (1892-1973), Verfasser von Werken wie dem „Silmarillion“, dem „Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“, war erklärtermaßen kein Freund der biografischen Herangehensweise.

Eine Filmbiografie, wie sie der finnische Regisseur Dome Karukoski nun mit „Tolkien“ verfolgt, wäre ihm ein Gräuel gewesen. Was für sich aber noch nicht gegen ein solches Projekt sprechen muss. Dass ein Autor lieber hinter seinem Werk unsichtbar bleiben würde, heißt ja noch lange nicht, dass das Wissen um biografische Rahmenbedingungen nicht interessante Schlaglichter auf die Beschaffenheit eines künstlerischen Kosmos werfen kann.

Nicholas Hoult (einige „X-Men“-Filme) spielt den jungen Tolkien. Foto: Fox

Die Drehbuchautoren David Gleeson und Stephen Beresford konzentrieren sich in dem Film auf die Jugend des Schriftstellers; es geht also nicht direkt um die Entstehung von Tolkiens bekanntesten Werken. Die Rahmenhandlung bildet der Krieg, in den die chronologische Lebensschilderung einmontiert ist. Das funktioniert einerseits als spannungsdramaturgische Finte, weil die Handlung in den Schützengräben, in denen Tolkien (Nicholas Hoult) ums Überleben kämpft und nach einem seiner Freunde sucht, einen dramatischen Kontrast darstellt zum eher beschaulichen Heranwachsen.

Schriftsteller J.R.R. Tolkien, der  von 1892 bis 1973 lebte. Foto: Klett-Cotta/dpa. Foto: dpa/Klett-Cotta Verlag

Es lässt sich aber auch als atmosphärische Reminiszenz an Tolkiens Werk verstehen: Das Grauen des Kriegs, der das alte Europa hinwegfegte und viele von Tolkiens Freunden das Leben kostete, ist während des ganzen Films präsent. Die Rück­blenden, die von erster Liebe und den Hoffnungen und künstlerischen Ambitionen von Tolkiens Freundeskreis erzählen, sind stets von der Melancholie des Epochenbruchs überschattet – eine Gemütslage, die auch in „Herr der Ringe“ eine zentrale Rolle spielt.

Die filmische Umsetzung der Kriegserfahrungen macht allerdings genau das, was Tolkien an der biografischen Herangehensweise so bedenklich fand: Sie zieht allzu simple Querverbindungen zwischen Erlebtem und Erdichtetem. Da wird effektvoll ausgemalt, wie sich die Gasnebel über dem Schlachtfeld vor Tolkiens traumatisierten Augen in Drachenodem verwandeln, wie sich zwischen den zerfetzten Körpern der Gefallenen die dunklen Umrisse der Nazgul formen – und der treue Gefreite, der dem erkrankten Tolkien auch in Todesgefahr nicht von der Seite weicht, heißt natürlich Sam. Als wäre Tolkiens Dichtung eine unmittelbar-instinktive Reaktion auf die Kriegsgräuel anstatt ein von dem Akademiker akribisch durchdachtes, langfristiges künstlerisches Projekt.

Glücklicherweise sind die Teile des Films, die Tolkiens Jugenderlebnisse bis zum Krieg schildern, dezenter. Den Schwerpunkt bildet der „Bildungsroman“ um Tolkiens Schulzeit in der St. Edwards School, das Erwachen seiner Leidenschaft für die Altphilologie, für die Sprachen, Mythen und die Geschichte der Völker Nordeuropas. Auch die Formierung seines TCBS-Zirkels („Tea Club and Barrovian Society“) findet Raum: Freunde, die sich in ihren unterschiedlichen künstlerischen Interessen an Literatur, Malerei und Musik gegenseitig inspirieren.

Als wichtig gilt zudem Tolkiens Beziehung zu seiner späteren Ehefrau Edith Bratt, gespielt von Lily Collins. Eine der schönsten Dialogszenen des Films zeigt eine Diskussion der beiden über die Beziehung von Klang und Bedeutung in der Sprache.

So entfaltet sich ein Biopic, das sich redlich und durchaus erfolgreich bemüht, die zentralen Aspekte von Tolkiens Jugendjahren getreu wiederzugeben. Das gelingt mitunter in prächtig verdichteten Szenen, wenn Derek Jacobi als Professor Joseph Wright, Tolkiens akademischer Mentor, einen kleinen Stegreif-Vortrag über die Etymologie des Wortes „Oak“/Eiche hält – und damit en passant die Faszinationskraft der Philologie vermittelt, die Tolkiens (Sprach-)Schöpfung von Mittelerde befeuerte. Insgesamt bleibt der Film aber eher bieder-brav; nur selten gewinnt der Zuschauer wirklich einen Einblick in den Kopf, in dem eine so ausufernde Mythologie heranwuchs.

„Tolkien“ läuft zurzeit in der Camera Zwo in Saarbrücken.