Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ in Cannes

„Once Upon a Time in Hollywood“ in Cannes : Altes Hollywood, Du Sehnsuchtsort

Mit „Pulp Fiction“ gewann Quentin Tarantino vor 25 Jahren eine Goldene Palme. Jetzt ist er mit „Once upon a Time in Hollywood“, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio in Cannes. Spannung und Rummel sind groß – wird der Film dem gerecht?

Ein neuer Quentin-Tarantino-Film ist immer ein Ereignis. Besonders aber auf einem Festival in Cannes, wo in diesem Jahr kein anderer Film so lange Schlangen vor dem Kino mit sich brachte wie „Once upon a Time in Hollywood“ und die Erwartung schon Tage vorher wie mit Händen zu greifen war. Und soviel sei verraten, gegen den Wunsch von Tarantino selbst, der per Pressemitteilung darum bat, möglichst wenig von der Handlung preiszugeben: Zumindest das Publikum in Cannes enttäuschte er nicht.

Denn was Tarantino zum Ereignis macht, und was ihn gleichzeitig zum Zentral-Idol des Festivals an der Croisette werden lässt, ist seine unbedingte, ja obsessive Liebe zum Kino. Zum Kino, wie es früher war, muss man hinzufügen. Mit seinen Helden und Bösewichten, seinen Macho-Riten und seinen Zelluloid-Filmrollen. „Once upon a Time in Hollywood“ funktioniert als Film genau da bestens, wo Tarantino diese Obsession bis ins kleinste Detail der Ausstattung auslebt. Leonardo Di Caprio spielt Rick Dalton, einen in die Jahre gekommenen Star, dessen Western-Serie gerade abgesetzt wurde und den nächtens beim sechsten Glas Whisky weinerlich die Selbstzweifel überkommen. Schlimmeres verhindert sein von Brad Pitt gespielter Stuntman Cliff Booth, der auch außerhalb von Dreharbeiten einspringt, sei es als Fahrer oder als schweigsames Gegenüber.

Man schreibt das Jahr 1969, und um seine beiden Helden herum rekonstruiert Tarantino das Los Angeles dieser Zeit mit den Lokalen und Gebäuden, in denen damals Hollywood verkehrte; mit jeder Menge beiläufig platzierter Filmplakate und ein paar Gastauftritten wie dem von Damien Lewis als Steve McQueen. Wenn Brad Pitt als Booth den breiten Schlitten seines Arbeitgebers durch die Gegend fährt, fällt sein Blick ab und an auf leicht bekleidete, trampende Hippies mit langen Haaren. Ach, und in die Villa neben Dalton am Cielo Drive ist gerade der polnische Regisseur Roman Polanski mit seiner Frau Sharon Tate (Margot Robbie) eingezogen.

Das ist die andere Obsession von Tarantino: die Gewalt. Und die starken, wie Drogen wirkenden Bilder, die das Kino daraus machen kann. Als bekannt wurde, dass Tarantino in seinem neuen Film die berüchtigte Morde der „Manson-Bande“ behandeln würde, löste das keine Begeisterung aus. Anders gesagt: Niemand traute Tarantino einen geschmackvollen Umgang mit einer solch realen Tragödie zu. Im Film kommt nun alles etwas anders und in jedem Fall weniger schlimm als befürchtet. Ob das von Anfang an so geplant war, sei dahingestellt, Charles Manson (Damon Herriman) taucht nur sehr kurz auf.

Wie noch in keinem Tarantino-Film sind die Gewaltszenen in „Once upon a Time in Hollywood“ – das Schwächste. Der Film lebt und atmet, wenn er seine ausgestellt altmodischen Helden durch das Hollywood jener Jahre streifen und von früher schwärmen lässt: Es ist in Nostalgie gepackte Nostalgie. Die steigert Tarantino noch einmal, wenn er Dalton bei Dreharbeiten zeigt und Szenen nachstellt aus den Serien der Zeit, die ihrerseits die Klischees des Genre-Kinos von früher ausschlachten. Ein Spiegelkabinett der Referenzen, das wehmütig dem „guten Alten“ frönt.

Mit dieser Beschwörung der Kinoliebe trifft Tarantino den durch die Auseinandersetzung mit Streaming-Konkurrenz Netflix blank liegenden Nerv in Cannes besonders. Es wäre deshalb gut vorstellbar, dass Tarantino zum Club der Zwei-Goldene-Palmen-Besitzer aufsteigt (vor 25 Jahren gewann er mit „Pulp Fiction“). Zumal die Brüder Dardenne mit ihrem „Le jeune Ahmed“, einem Film über die Radikalisierung eines jugendlichen Muslim in Belgien, enttäuschten. Gut vorstellbar wäre aber auch eine Palme für Brad Pitt, der als Stuntman Cliff scheinbar mühelos eine so abgründig-absolute Coolness ausstellt – wie man sie eben nur im Kino erleben kann. Bei uns startet der Film am 18. August.

Fast so gut wie „Once upon a Time in Hollywood“ kam die Klassensatire „Parasite“ von Bong Joon-ho an. Im Gegensatz zu Tarantino ist das Kino des Südkoreaners („The Host“, „Snowpiercer“) aber absolut der Gegenwart zugewandt. Seine rabenschwarze Komödie über eine Unterklassenfamilie, die sich mit Geschick und Betrug in der Villa und dem Leben eines reichen Paars und dessen Kindern einnistet, verbindet Unterhaltung mit klarer Gesellschafts- und Gegenwartsanalyse.

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