Tadeusz Dabrowski legt mit „Eine Liebe in New York“ einen vielschichtigen Liebesroman vor

Neue Bücher : Liebe ist die Lust an der Neuerfindung

„Das mit weißem Flaum bedeckte Delta der Wirbelsäule“: Tadeusz Dabrowski legt mit „Eine Liebe in New York“ einen vielschichtigen Liebesroman vor.

Lassen wir beiseite, dass der ebenso griffige wie kitschige Titel dieses Romans rein marketinggetrieben sein dürfte und noch dazu irreführend ist, weil Tadeusz Dabrowskis Debüt zwar in New York verortet ist, aber (anders als etwa Ulrich Peltzers „Bryant Park“ oder Uwe Johnsons „Jahrestage“) kein New-York-Roman ist. Macht nichts, seine außerordentliche Qualität schmälert dies nicht.

Dabrowski, bis dato nur als Lyriker bekannt (zwei seiner sechs Gedichtbände sind auch auf Deutsch erschienen), dekliniert in seinem im polnischen Original „Bezbronna kreska“ („Wehrlose Linie“) heißenden Roman eine „amour fou“ durch, die sich aus einer Zufallsbegegnung in der New Yorker U-Bahn ergibt. Sein Ich-Erzähler, der nicht nur dieselben Initialien wie sein Schöpfer trägt, befindet sich gerade auf einer Lesereise in den USA, als ihn eine junge Architektin von lasziver Blässe in der Subway auf den Gedichtband anspricht, in dem er gerade liest. (Sein eigenes Buch, aus dem er am nächsten Abend lesen soll.) „Erst jetzt wandte ich mich zu ihr um und scannte in aller Ruhe ihr Gesicht, mit der Präzision und Sensibilität einer Blindenhand.“ Das Erwartbare passiert: Megan besucht tags darauf seine Lesung, zieht danach mit ihm umher, um schließlich die Nacht mit ihm zu verbringen. „Ich duschte rasch und fühlte mich wie ein junger Gott. Wie Eiweiß, das aus dem Wasser kommt und wahrnimmt, dass es Beine hat.“

Allerdings – und gerade darin besteht der enorme Charme von Dabrowskis vielschichtigem Roman – erzählt der in Danzig lebende, 1979 geborene Autor seinen Plot nicht linear, vielmehr collagiert er beständig die Zeit- und Erzählebenen. Mal tauchen wir mit ihm ganz ins historische Präsenz ein („Ihr in den Nacken keuchen, in das mit weißem Flaum bedeckte Delta der Wirbelsäule“), um seiner Erzählerfigur dann wieder unvermittelt bei der literarischen Aufarbeitung seiner obsessiven Liaison beizuwohnen. „Ich stehe vom PC auf, gehe ins Bad, wische mir schnell übers Gesicht, einen Moment suche ich im Spiegel nach neuen grauen Haaren, du sollst dich nicht drücken, sondern schreiben, sage ich mir, geh zum Schreibtisch zurück.“ Die lyrisch aufgeladene, bisweilen atemlose Unmittelbarkeit, die Dabrowski erzeugt, wird zugleich immer wieder dekonstruiert. So wie in dieser Liebe Realität, Suggestion und Sehnsucht Hand in Hand gehen, kompiliert Dabrowskis Autorenfigur daraus einen Art literarisches Hologramm. „Der Lebenslauf beruht darauf, dass du das Gleiche jeden Tag anders beschreiben kannst“, heißt es einmal. Weshalb den Roman denn auch leitmotivisch die Frage umtreibt, aus welchen Versionen sich Wirklichkeit konstituiert und wie sich der Liebeskranke darin – wieder nach Polen zurückgekehrt – von der „Architektin, die eine Woche lang meine unförmige Eitelkeit mit ihrer vollkommenen Leere erfüllte“, freizuschreiben versucht. „Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie ich zur Wahrheit zurückkehren soll. Ich habe diese Geschichte zu schreiben begonnen, um Megan auszuradieren.“

Auch wenn Dabrowski seine literarische Versuchsanordnung, bei der wir immerzu mit im Kommandozentrum des Rekonstrukteurs dieser New Yorker Liebesgeschichte sitzen, bisweilen überreizt – ihr Vergegenwärtigungsverfahren besticht. Nicht zuletzt deshalb, weil der Lyriker dem Epiker Dabrowski gekonnt assistiert. Und die Szenen dann förmlich in Sensitivität baden: „Transformatoren und Grillen feilten unermüdlich in der Luft.“ Oder: „Im Parterre eines jeden Hauses wachte ein Portier, gutmütig wie der Schaffner einer Schmalspurbahn auf einem Rummelplatz in Süditalien.“

 Liebe, das ist die Crux dieses Buchs, ist immer auch die Lust an der eigenen, partiellen Neuerfindung („eine Weile jemand anders zu sein, ohne aufzuhören, ich selbst zu sein.“) Insoweit staffiert sich Dabrowskis Roman-Ich denn auch die gleichermaßen sphinxhafte wie zerbrechliche Megan, die nur eine Episode in seinem Leben bleiben wird, zu einer literarischen Figur nach seinem Gusto aus. Dass das Buch, das Megan ihm am Ende überlässt (Lydia Davis’ Erzählung „Es ist, wie’s ist . . .“), sein literarisches Schachspiel bereits vorwegnimmt, ist als kompositorisches Aperçu dann doch ein genialer Schachzug. Wie heißt es darin? „Du mühst dich ab, damit du dich jetzt an alles erinnerst, damit du es nie wieder vergisst, aber du kannst es kaputt machen, gerade wenn du zu viel darüber nachdenkst.“ Zuletzt erkennen wir mit T.D., dass Geschichten, die dazu dienen, sich ein Stück Leben anzudichten, ihre Unschuld verlieren.

Tadeusz Dabrowski: Eine Liebe in New York. Schöffling & Co. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, 143 Seiten, 18 €.

Mehr von Saarbrücker Zeitung