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Sprachverfall als Verkaufsstrategie

Sprachverfall als Verkaufsstrategie

Fast 10 000 Kinder- und Jugendbücher sind 2015 erschienen. Gut sind die wenigsten. Vereinfachung ist Trumpf – nicht erst, seit Flüchtlinge zu den Abnehmern gehören. Eindrücke von der Jahrestagung des Bödecker-Kreises in Hannover.

"Bestimmt wird alles gut", "Sinan, Felix und die wilden Wörter", "Nusret und die Kuh" - drei von mehr als 60 Kinder- und Jugendbüchern, die zum Thema Flucht und Integration neu erschienen sind. Die gesellschaftliche Realität ist auch dort angekommen. Wobei Verlage auch die Flüchtlinge selbst im Blick haben: Die Zahl mehrsprachiger Bücher für Kinder und Jugendliche hat deutlich zugenommen. Entwicklungen, die die Jahrestagung des Friedrich-Bödecker-Kreises prägten, zu der sich am Wochenende in Hannover 130 Autoren aus ganz Deutschland trafen, die für ein junges Publikum schreiben.

"Die Verlage fragen verstärkt nach Flüchtlingsgeschichten in einfacher Sprache", sagt Annette Weber. Sie schreibt ihre Bücher für Jugendliche über Themen wie Schulschwänzen, Gefahren beim Chatten oder Alkohol seit Jahren in drei unterschiedlichen Versionen - der Stoff wird von ihr in eine einfachere und eine kompliziertere Fassung mit mehr Informationen umgearbeitet. "Von der mittleren Stufe verkaufe ich die meisten Bücher", sagt Weber. "Es gibt bei großen Verlagen den Trend, das Sprachniveau immer weiter runterzufahren. Die Verkaufszahlen sind entscheidend", sagt Wolfram Eicke. Er veröffentlicht seit 30 Jahren sowohl Bilderbücher als auch Jugendromane. "Die Ausstattung eines Buches ist wichtig. Guter Druck, ordentliches Papier, schöne Illustrationen - alles, was der Bildschirm nicht bietet. An dieser Ausstattung wird bei Verlagen immer häufiger gespart.", kritisiert auch der Kinderbuchautor Manfred Schlüter die Verlage. Till Sailer, der sich auf Musikerbiographien für Jugendliche spezialisiert und gerade ein Buch über den Kirchenlieddichter Paul Gerhardt herausgebracht hat, ist überzeugt davon, dass man auch mit anspruchsvollen Büchern Erfolg haben kann. "Ich hatte alleine im letzten Quartal 20 Lesungen. Ein gutes Buch für Kinder und Jugendliche muss auch Eltern etwas geben", sagt Sailer. Auch er räumt aber ein, dass vordergründige und plakative Titel dominieren.

2015 sind in Deutschland 9081 neue Kinder- und Jugendbücher erschienen, Tendenz steigend. Nur einen Bruchteil davon findet man in Buchhandlungen. "Dort sind die Regale oft mit Reihen großer Verlage vollgestellt. Wir verkaufen 30 Prozent über das Internet und auch Lesungen unserer Autoren sind für den Verkauf wichtig", sagt Martin Ebbertz. Er hat den Verlag Razamba gegründet, nachdem seine eigenen Kinderbücher von seinem einstigen Partnerverlag nach kurzer Zeit aus dem Programm genommen wurden. "Die Laufzeit der Bücher wird immer kürzer", sagt Ebbertz. Laut Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist der Umsatz mit Bilder- und Kinderbüchern 2015 im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen (jeweils plus knapp 2,5 Prozent), während er beim Jugendbuch (minus 13 Prozent) deutlich zurückgegangen ist. Rund ein Viertel der hiesigen Kinder- und Jugendbücher sind Übersetzungen, vor allem aus dem Englischen. Umgekehrt wurden von Kinder- und Jugendbüchern deutscher Autoren 2015 fast 2700 Lizenzen ins Ausland verkauft, davon mit Abstand die meisten nach China.