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Spielverderber Realität

Spielverderber Realität

Vom Konstruktivismus über das Bauhaus und die Kunstraumfahrer der 60er bis zu den Ökologie-Baumeistern heute: Das Wilhelm-Hack-Museum zeigt Zukunftsvisionen eines Jahrhunderts.

Der plakative Ausstellungstitel "Wie leben?" ist ein Angelhaken mit dickem Köder. So was zieht. Weshalb die Schau bereits bis Ende März verlängert worden ist: Der Besucherzuspruch scheint beachtlich. Wie wollen wir leben? Wie wohnen? Wie arbeiten? Die Fragen, auf die 300 Werke von 140 Künstlern, Desigern und Architekten Antworten verheißen, könnten zeitgemäßer nicht sein. In Zeiten abnehmender Behaglichkeit herrscht Orientierungsbedarf. Leider löst das Gezeigte den Anspruch nicht ein - die Ausstellung dreht allzu kursorisch Vergangenheitsschleifen, um erst ganz zum Schluss in aktuelle Entwürfe einzumünden.

Das nette Aufsichtspersonal erklärt gleich mehrfach, wie der (unübersichtliche, 20 Themenstationen abdeckende) Ausstellungsparcours angelegt ist. Die Fülle der Exponate erschlägt. Wer architektonische und städtebauliche Zukunftsvisionen eines ganzen Jahrhunderts bündeln will, darf wohl nicht geizen mit Anschauungsmaterial. Ablesbar ist hier: Vieles, was mal als konkrete Utopien gehandelt worden ist - von den russischen Konstruktivisten über Le Corbusiers Unité d'habitation-Wohnmaschinen (einem Musterbeispiel des Brutalismus) bis hin zu der abgedrehten Raumkapsel-Architektur der 60er - hat sich längst überlebt. Weil es sich als nicht lebenswert erwies. Utopien hatten eben schon immer die Tendenz, vornehmlich ihre Ideengeber zu feiern und Realität als Spielverderber zu sehen. Gleich zu Anfang sorgen Porträts von August Sander, Bernd und Hilla Bechers Röhrenstudien im lothringischen Stahlwerk von Neuves Maisons und Robert Häussers BASF-Impressionen für die nötige Zementierung des modernen Industriezeitalters, von dem ja alles Weitere seinen Ausgang nahm. In Endlosschleife läuft ein Ausschnitt aus Fritz Langs "Metropolis" (1927), dessen futuristische Betonarchitektur mit sich überlagernden Transportschneisen in schwindelerregender Höhe ihre abstrakte Entsprechung in Malewitschs Kompositionen der 30er Jahre findet. Stärker geerdet und dem Fluch der Monumentalität entronnen, waren die Visionen der De Stijl- und der von ihr inspirierten Bauhaus-Bewegung.

Kunststoffverknallte 60er

 Zero-Künstler Heinz Mack beim Dreh zu Hans Emmerlings TV-Dokumentation „Tele-Mack“ von 1969. Fotos: Wilhelm-Hack-Museum
Zero-Künstler Heinz Mack beim Dreh zu Hans Emmerlings TV-Dokumentation „Tele-Mack“ von 1969. Fotos: Wilhelm-Hack-Museum

Sehr reduziert, rational, offen, transparent war deren Formensprache. Architekturmodelle wichtiger Bauten von Eileen Gray und Le Corbusier bis Rem Koolhaas (und nicht zuletzt ein Gerrit Rietvelds Haus Schröder von 1924 huldigender Film) lassen diese stilistische Ökonomie gut studieren. Überflüssig ist der Exkurs zu Bauhaus-Inkunablen von Wagenfeld, Breuer und Le Corbusier: Man kennt sie zur Genüge. Über den neusachlichen Siedlungsbau der 20er und den Funktionalismus der 50er wird ein Bogen geschlagen zu der kunststoffverknallten Kapsel- und Röhren-Psychedelik der 60er (mit einer organischen Wohnlandschaft Verner Pantons im Zentrum). Letztere kultivierte eine Art Raumfahrtprogramm für die verrückten Kreise à la Haus Rucker-Co - jener legendären Wiener Kunstgruppe, die gerade auch die Metzer Schau "Cosa mentale" in Erinnerung ruft. Untergründig folgen viele Visionen von den 20er bis 70er Jahren Bruno Tauts Credo von 1914: "Das Glas bringt uns die neue Zeit." Noch in Walter Jonas' Modell einer Trichterstadt (1960-65) ist dies ablesbar. Jonas spiegelt noch einen anderen Baumeister-Topos, der einen in Ludwigshafen als roter Faden begleitet: das kollektive Wohnen in der Höhe. Die Hochhaus-Seligkeit, an deren seelenlosen Zweckvarianten bis heute Abermillionen zu leiden haben, reicht bis zu Vincent Callebauts schwebenden Baumhaus-Megacity-Glaswaben von 2013.

Spät erst thematisiert die Ausstellung den Inbegriff der Moderne: Fortbewegung und Mobilität. Exemplarisch zeigt Hussein Chalayans diamantartiger Kapselflieger deren Kehrseite: Kommunikationslosigkeit. Chalayans Muse rauscht selbstvergessen alleine durch die Welt. Die Auflösung des Bildes in Bewegung (und manches andere) erprobte in der Kunst Heinz Macks grandiose Op-Art, die Hans Emmerlings 45-minütige Doku "Tele-Mack" von 1970 nachzeichnet. Man sollte sich dieses Juwel der Schau in voller Länge ansehen, um zu verstehen, was Fernsehen einmal war.

Je näher man der Gegenwart kommt, umso ideenloser wirken die versammelten Visionen. Was modernes Arbeiten heißt, reicht von gesichtslosen Büro-Kombüsen (ironisiert in Jacques Tatis "Playtime") bis zu Arbeitsspielplätzen in Googles Zürcher Niederlassung. Aber sonst? Kein Aufbruch, nirgends. Statt Spleens und Speed überwiegt Technikfolgen-Minimierung (Chris Cunninghams "All is full of love" etwa zeigt schon 1999 sich küssende Roboter als Schreckensbild der Zweiten Moderne) und Recycling. Die Zukunft scheint entzaubert.

Bis 28.3.; Di, Mi, Fr: 11-18 Uhr, Do: 11-20 Uhr, Sa, So: 10-18 Uhr.