Soziologin Eva Illouz erklärt in „Warum Liebe endet“, wieso sexuelle Freiheit nicht alles ist.

Soziologie der modernen Liebe : Wie sexuelle Freiheit zu Lieblosigkeit führt

Die Soziologin Eva Illouz erklärt in „Warum Liebe endet“, inwieweit der Konsumkapitalismus unsere Privatsphäre längst unterwandert hat.

Gelegenheitssex, Pornokonsum, Dating-Apps wie Tinder – der heutige Beziehungsmarkt ist im Grunde vielfach nur eine Variante unseres Supermarkteinkaufs. Immer häufiger haben Beziehungen inzwischen Warencharakter: (Selbst-)Vermarktungsstrategien entscheiden häufig über die Atrraktivität einer Person. Die israelische Soziologin Eva Illouz forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten über die veränderten Beziehungsgefüge im Zeichen des modernen Konsumkapitalismus. Sieben Jahre nach ihrem wichtigen Werk „Warum Liebe weh tut“, in dem sie erklärte, warum unsere Gefühlskonten heute vielfach ge­plündert sind und das Ideal der dauerhaften Beziehung obsolet geworden ist, zieht Illouz in ihrem neuen Buch „Warum Liebe endet“ die Summe ihrer wissenschaftlichen Studien aus dem, was man „das Ende des romantischen Zeitalters der Liebe“ nennen könnte.

Es ist ein erhellendes, allerdings bis auf die Knochen desillusionierendes Buch geworden. Illouz beschreibt den fatalen Sieg der Oberfläche – der sexuellen Attraktivität – über die Tiefe (sprich die Persönlichkeit eines Menschen). Ihre Abrechnung mit der Konsumhaftigkeit moderner Beziehungen verarbeitet außer ihren Langzeitbefunden aus 20 Jahren Beziehungssoziologie überdies 92 Interviews mit Probanden aus allen Sozial- und Altersschichten, die die in Jerusalem, Paris und Princeton forschende Autorin geführt hat.

Eine ihrer Grundthesen lautet, dass die im Zuge der 68er-Bewegung erreichte Freiheit der Beziehungswahl, die insbesondere Frauen qua Emanzipation und Feminismus fraglos mehr Selbstbestimmung gebracht hat, auf der anderen Seite Stück um Stück zu einer „ontologischen Ungewissheit“ geführt hat. Dies deshalb, weil durch das Prinzip der Wahlfreiheit nicht nur das Modell „Ehe“ unter die Räder gekommen ist, sondern – noch viel weitergehend – eine ganz „neue soziale und sexuelle Grammatik“ entstanden sei, die auf dem heutigen Überangebot an potenziellen Beziehungs- und Sexualpartnern gründet. Eine Art Jahrmarkt der Eitelkeiten herrscht vor, in dem Personen ganz wie im Katalog nach Größe, Haarfarbe und Qualitätsprofil ausgewählt werden können.

Eine der von Illouz’ Interviewten, eine 48-jährige Chemieprofessorin, drückt es etwa so aus: „Wenn man also jemanden im wirklichen Leben kennenlernt, kann man ihn erst ,anprobieren’ und dann auch ohne Erklärung wieder ins Regal zurücklegen. Das macht es besonders schmerzlich und verwirrend.“

Die Auflösung enger – und dauer­hafter – Bindungen steht für Illouz in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem boomenden Wachstum sozialer Netzwerke, die das Wahlspektrum enorm ausgedehnt haben, sowie mit einer nicht minder florierenden Beratungs- und Lebenshilfemaschinerie. Letztere hält ihre Klienten, etwas salopp gesagt, naturgemäß dazu an, die eigene Persönlichkeit zu stärken. Was laut Illouz nicht selten zu noch mehr Selbstbezogenheit führt. Beides, Konsummarkt und Selbsthilfe-Industrie, bedingen das, was Illouz eine neue Form der „Nicht-Sozialität“ nennt. Diese hat jede Gewissheit „über die Substanz, den Rahmen und das Ziel sexueller und emotionaler Verträge grundlegend erschüttert“. Der Kapitalismus hat also längst auch unsere Privatsphäre unterwandert.

Mit Marx gesprochen, impliziert die Freiheit das Risiko, Ungleichheiten ungehindert gedeihen zu lassen. Darauf will Illouz in ihrem nicht ganz leicht zu lesenden Buch auch hinaus: Sie führt vor Augen, dass – so sehr die Errungenschaften der 68er für sie außer Frage stehen und überfällig waren – sich heute eine Art „negative Freiheit“ breit gemacht habe, in der jede(r) – von keinen übergeordneten Wertesystemen mehr geleitet – tun und lassen kann, was er oder sie will. Vielfach existiere eine rein hedonistische, Vor- und Nachteile abwägende Beziehungsökonomie, die als „Lieblosigkeit“ zum Signum der heutigen Zeit geworden sei. Die allgegenwärtige Konsumkultur basiert demnach auf permanentem Vergleichen, Abwägen und Wählen. Das Nachsehen hat, wer auf dem Attraktivitäts- und Lebensstilmarkt durchfällt. Einsamkeitsepidemien inbegriffen.

Weil die Sexualität von Frauen laut Illouz zumeist ungleich stärker als die männliche „in soziale Beziehungen eingebettet“ ist, profitierten Männer wesentlich stärker von ent-emotionalisierten Gelegenheitsbeziehungen. Sie seien diesen gemäßer, weil sie leichter Statusgewinne erzielen und „Sexualkapital“ anhäufen könnten. Zu Recht erinnert Illouz daran, dass in aller Regel Männer hinter den Vorgaben der Schönheits- und Sex-Industrie stehen, die Frauen zu Sexualobjekten degradieren. Weshalb sie die Frage aufwirft, inwieweit Frauen tatsächlich von den Spielarten heutiger sexueller Befreiung (etwa One-Night-Stands) profitieren, wenn ihr Marktwert dabei ungleich rigoroser als der von Männern bewertet wird, bei denen etwa das Alter nicht zwingend zum Abschusskriterium wird. Ihre sexuelle Macht veraltet „nicht so schnell wie die der Frauen“. Illouz’ Buch ist nicht nur, was diesen Punkt eines ästhetischen Benchmarkings anbelangt, durchaus eine wertvolle Vertiefung der sogenannten „MeToo“-Debatte.

Nichts macht den Zusammenhang zwischen heutigen Beziehungsmärkten und den Gesetzen des Kapitalismus deutlicher als das, was die 57-Jährige das Prinzip der Abwertung nennt: Es sei unserem Wirtschaftssystem eingeschrieben, weil es stets neue Wertbilder produziert, die für „die Wiederaufstockung der Konsumentenmärkte gebraucht“ werden. Sicher, nicht alle Beziehungen funktionieren nach den von Illouz ausgemachten, latent egomanischen Mustern. Doch macht sie damit umso deutlicher, wie sehr Liebe am Ende auch eine Frage von Ausdauer ist.

Eva Illouz: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Aus dem Englischen von Michael Adrian, Suhrkamp, 447 S., 25 €.