Soziologe Heinz Bude fragt, was aus der Idee der Solidarität geworden ist

Neue Bücher : Gilt das Prinzip der Linken nun rechts?

Der Soziologe Heinz Bude hinterfragt in seinem Buch, wieviel Solidarität es heute noch gibt und wer sie wozu einsetzt.

1980 entstand in Polen eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung, die sich den Namen „Solidarnosc“ („Solidarität“) gab und trotz baldigen Verbots aufgrund ihrer Standhaftigkeit im Untergrund nicht unwesentlich Anteil hatte am späteren Zusammenbruch des Ostblocks. Die wehende Fahne dieser polnischen Gewerkschaftsbewegung ist einem aus den damaligen Abendnachrichten noch in lebendiger Erinnerung. 1990 wurde der Anführer der Solidarnosc, der schnauzbärtige Lech Walesa, dann zum polnischen Staatspräsidenten gewählt. Schnell mutierte er vom Saulus zum Paulus. Knapp 40 Jahre nach der Gründung der Solidarnosc fällt längst nicht nur in Polen die Antwort auf die Frage, wie es um unsere gesellschaftliche Solidarität heute bestellt ist, anders aus als damals.

Zumindest scheint es so, als sei nicht nur das Wort „Solidarität“ seit den Achtzigern aus der Mode gekommen, sondern auch das, was es meint: sozialer Zusammenhalt und eine jenseits persönlicher Interessen bestehende innere Verbundenheit mit den Mitmenschen. Seit die gesellschaftlichen Utopien ausgespielt haben, die Sozialstaaten ausgedünnt wurden und das kapitalistische Wirtschaftssystem ausgeweitet worden ist ins Private, sodass inzwischen selbst (Liebes-)Beziehungen vielfach Warencharakter haben, scheint es mit der Solidarität bergab zu gehen.

Umso interessanter ist es, wenn ihr nun mit Heinz Bude einer der profilitiertesten Soziologen ein eigenes Buch widmet, dessen Untertitel „Die Zukunft einer großen Idee“ dann auch noch das Gegenteil zu implizieren scheint: eine Art Renaissance des sozialen Zusammenhalts. Muss man nicht vielmehr das Gefühl haben, dass Solidarität ein Auslaufmodell ohne Zukunft ist? Wie auch immer: Die Schwierigkeit, gültige Aussagen über solidarische Prinzipien zu machen, fängt schon mit der Unbestimmtheit des Begriffs an. Was genau meint Solidarität eigentlich? Im Wikipedia-Eintrag zu Solidarität findet sich ein Zitat des Philosophen Jürgen Habermas, das gut taugt als Definition: „Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Eigeninteresse Nachteile in Kauf.“ Habermas taucht auch in Budes Buch auf – im vorletzten Kapitel „Das Andere der Gerechtigkeit“, in dem Bude die unterschiedlichen Rollen von Staat und Zivilgesellschaft markiert. Während der Rechtsstaat zwar Gerechtigkeit ermöglichen kann, lässt sich Solidarität nicht vorgeben. Weil das so ist, folgert Bude, sei im Sinne Habermas’ „eine Ethik individueller Gleichbehandlung notwendigerweise auf eine Ethik wechselseitiger Verbundenheit angewiesen“. Will sagen: Wahre Gerechtigkeit ist ohne wirkliche Solidarität nicht zu haben.

Damit aber ist bereits ein Kernpunkt von Heinz Budes Solidaritätsabhandlung benannt: Ebensowenig wie eine juristische Gleichbehandlung eben im Einzelfall mit sozialer Gerechtigkeit zu verwechseln ist, ist Solidarität per se Ausdruck von Edelmut und Selbstlosigkeit. Nicht von ungefähr erinnert Heinz Bude mit Blick auf die AfD oder Trumps Wählerschaft daran, dass „die glühenden Verfechter der Solidarität (. . . ) heute zumeist nicht mehr von links, sondern von rechts“ kommen und dabei eine exklusive Solidarität behaupten, „die mit Mauern geschützt und durch Kultur behauptet wird“.

Folgt man Bude, so bilden sich heute – anders als noch bis vor 30, 40 Jahren, als Solidarität noch eine Art Klassenbegriff war, der fest mit der Arbeiterschaft verbunden war – unterschiedlichste Solidargemeinschaften. Hier die Solidarität der Etablierten, dort die der Außenseiter. Oder wie Bude schreibt: „Die einen misstrauen der Mehrheit und vertreten eine herrenlose, zentrumslose und wesenlose solidarische Politik eines ,Patchworks der Minderheiten’, und die anderen suchen Mehrheiten, die einer solidarischen Politik für die Vielen, für die Normalen und für die Beschwerten Geltung verschaffen.“ Mit anderen Worten: Die Allianzen, die wir heute bilden, bleiben temporär und sporadisch. Und entsprechend ist denn auch Solidarität für Bude heutzutage eher „ein ziemlich weicher und elastischer Kitt“.

Nichtsdestotrotz ist das neue Buch des in Kassel Makrosoziologie Lehrenden ein Plädoyer für Solidarität. „Man weiß den Gewinn der Solidarität nur zu ermessen, wenn man die Einsamkeit kennt“, lautet dessen letzter Satz. Jedweder Gefühlsduselei abhold, ist für Bude sozialer Ausgleich deshalb unausweichlich, weil wir uns ohne die Anderen weder selbst denken können noch ohne ihre Mithilfe dauerhaft existieren können. Bevor Bude jedoch am Ende seiner 160 Seiten dieses (etwas zweckoptimistisch anmutende) Resümee zieht, durchwandert er zuvor die sozialen Tieflagen von heute, in denen ihm allerlei egomanische Trittbrettfahrer und solidarsystemermüdete „Selbstbesorgte“ begegnen.

Während die Trittbrettfahrer Kollektivgüter solange goutieren, wie diese sie nicht persönlich belasten, und ansonsten (bis hin zum Volkssport Steuerbetrug) stets nur auf ihren Vorteil bedacht sind, setzten die von Bude so genannten „Selbstbesorgten“ das von ihnen beherzigte Prinzip vorbildlicher Lebensvorsorge absolut. Ihrem Credo zufolge konterkariert der Sozialstaat Selbstständigkeit, indem er Passivität fördert. Solidarität kultiviert für die Fraktion der sich selbst optimierenden Glücksschmiede eher Unmündigkeit. Weil, wie Bude folgert, heute „offenbar immer mehr Menschen der Auffassung sind, dass sie sich selbst vor Verwundungen und Verletzungen schützen können“. Indem man Sport treibt, sich lebenslang fortbildet sowie „proaktiv“ und resilient lebt. Der Heiligenschein, der solcherart über das (vorgeblich) freie Spiel der Kräfte gelegt wird, strahlt dabei allerdings weitaus heller als die deutlich grauzonigere Realität es erlaubt.

Die Schwäche von Budes Buch ist die fehlende Stringenz seiner Argumente. Zu oft mäandert er argumentativ hin und her, sodass selbst zentrale Aspekte seiner Tour d’horizon leicht verloren gehen. Wozu maßgeblich jene an Emile Durckheim geschulte Definition von Solidarität gehört, die Bude im Kapitel „Das rätselhafte soziale Band“ wie folgt zusammenfasst: „Solidarität entsteht erst dann, wenn Abhängigkeiten begrüßt, Verbindungen gepflegt und Verpflichtungen beherzigt werden.“ Wie wahr! Denn am Ende ist und bleibt Solidarität im Kern eben eine Selbstbeschränkung zum Wohle Dritter.

Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. Hanser. 176 Seiten, 19 €.

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