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So war die Premiere von „Kohlhaas - ein Mann für jede Krise“ in der Alten Feuerwache

Kostenpflichtiger Inhalt: „Kohlhaas - ein Mann für jede Krise“ in der Alten Feuerwache : Vom Rächer der Armen zur Klamauk-Marionette

Zuweilen des Guten zu viel: „Kohlhaas – Ein Mann für jede Krise“ in der Alten Feuerwache sprudelt bei der Premiere vor Einfällen.

Eine wohlgesittete Äbtissin zeigt dem Pferdehändler eiskalt den Stinkefinger und eine höhere Tochter entpuppt sich als geniale, aber hoffnungslos durchgeknallte Kampagnenleiterin: Hans Kohlhase (Fabian Gröver) hat es nicht leicht – als ihm ein Adliger die Pferde stiehlt, kämpft er für Gerechtigkeit und schürt ein gleichfalls von Feudalismus und Armut geknechtetes Volk um sich. Doch als Michael Kohlhaas, wie er sich daraufhin nennt, der plötzliche Ruhm zu Kopf steigt und auch noch Kirche und Bürgertum die Kraft seiner volksnahen Reden erkennen und für ihre Machtspiele nutzen, wächst ihm sein Rachefeldzug über den Kopf. Zum Schluss endet selbiger auf dem Block einer Scharfrichterin.

Mit „Kohlhaas – Ein Mann für jede Krise“ konnte das Publikum bei der Uraufführung am Samstagabend in der Alten Feuerwache einen Ritt durch die Umwälzungsprozesse des 16. Jahrhunderts erleben; durch eine Zeit eklatanten religiösen und soziopolitischen Wandels, befeuert von Reformation und Frühkapitalismus, Bauernkriegen und Buchdruck.

Das zweistündige Schauspiel kleiden Regisseurin Bettina Bruinier und Dramaturg Horst Busch in die Gewandung einer vor Einfällen sprudelnden und temporeichen Satire, die aber Eindeutigkeit und Possenhaftigkeit nicht immer stilsicher abhängen kann. Angelehnt ist der Plot an den historischen Hans Kohlhaas, der 1540 hingerichtet und 270 Jahre später von Heinrich von Kleist in der Novelle „Michael Kohlhaas“ unsterblich gemacht wurde. In der Alten Feuerwache wird die Geschichte nach einer Neubearbeitung des Stoffs durch den Schweizer Autor Marcel Luxinger aufgeführt.

Der Kohlhaas, den Bruinier, Busch und Luxinger zeichnen und dem Hauptdarsteller Gröver mal tollpatschig, mal selbstgerecht Leben einhaucht, ist ein Populist in einer Frauenwelt. Allein damit hievt das Team die Geschichte aus dem spätmittelalterlichen Rahmen. Bereits Mutter Kohlhase (Martina Struppek) erzählt ihrem Sohn ein Ammenmärchen über Kaiser Nero und betreibt damit Geschichtsverzerrung, später macht dem erwachsenen Kohlhase seine geschäftstüchtige Ehefrau Lisbeth (Verena Bukal) klar, dass er nicht viel taugt. Schließlich landet er bei Ottilie Fugger (Anne Rieckhof), die in seinem Namen einen populistischen Flugblätterkampf führt und bei Kurfürstenbeamtin Christina von Reul (Christiane Motter), welche seine zweite Frau wird und sich ebenso im Licht des erfolgreichen Mannes sonnt wie Prista Frühbottin (Gaby Pochert), Tänzerin und Cranach-Modell.

Wie Kohlhaas auf seinem Feldzug  für Gerechtigkeit die Wege historischer Persönlichkeiten, darunter Vertreter der reichen Fuggerfamilie, die Maler Cranach, Reformator Martin Luther und Starhellseher Nostradamus streift, ist anfangs ein Genuss. Die kreative Nummern-Revue entwickelt sich aber in der zweiten Hälfte des Stücks als so dominant, dass der Konflikt vom kleinen Mann, der zum brutalen Täter wird, zu sehr übertüncht wird. Schließlich setzt das Team vor allem auf Witz und markige Charaktere. Es schickt die Fuggermatrone Zigarre paffend in den Ring, während ihre Nichte Ottilie unterhaltsame Ticktiraden abspult, die Nonnen hingegen sind frivol oder leicht verstrahlt. Die vielen Einfälle, darunter viele gute, brauchen aber letztlich so viel Raum, dass sie das Drama um Kohlhaas, der zum gefährlichen Brandstifter und gesellschaftlichen Spalter mutiert, in den Hintergrund verbannen. Während Kohlhaas ein begnadeter Populist, aber auch eine begriffsstutzige Umstandsbremse ist, haben die Frauenfiguren die Hosen an, geraten allerdings stellenweise zu schrill. Weil ein Gag den nächsten jagen soll und doppelbödige Momente zu kurz kommen, fehlt der Satire am Ende die ernsthafte Schärfe. Stattdessen gerät so manche Komik zur überdrehten, langweiligen Posse – spätestens, wenn Nostradamus seine Prophezeiungen mit holprigem französischen Akzent zum Besten gibt und der Arzt Paracelsus altklug ein medizinisches Zwei-Klassen-System verdammt. Das ist zu viel Klamauk, der den Konflikt, von dem damals wie heute eine dringliche Bedrohung ausgeht, dann doch etwas zu sehr herunterspielt.

Was „Kohlhaas – Ein Mann für jede Krise“ aber treffsicher entfesselt, ist der Strudel der Selbstüberschätzung, in den seine Hauptfigur gerät und in dem er Opfer von weitsichtigen Manipulatoren wird, die lieber andere Kopf und Kragen riskieren lassen. Großen Anteil daran trägt Gröver, der den Kohlhaas souverän und bühnenpräsent gibt. Struppek spielt als durchtriebene Almuth Fugger ihre beste von insgesamt sieben Rollen und Pochert sorgt vor allem als Äbtissin Antonia von Tronka für starke Auftritte. Bukal, Motter und Rieckhof glänzen am meisten, wenn sie die Kostüme der Lisbeth Kohlhase, der Christina oder der Ottilie Fugger tragen. Ein Fest für die Augen sind die wunderschönen und durchdachten Bühnenbilder und Kostüme von Mareile Krettek.