Literatur: Selbstauskünfte aus einem tragischen Leben

Literatur : Selbstauskünfte aus einem tragischen Leben

Das Buch „Junge Liebe zwischen Trümmern“ enthält unbekannte Erzählungen von Hans Fallada.

„Schreibe ich denn diese Bücher?“ schrieb Hans Fallada 1946, als er nur noch eine kurze Spanne Leben hatte. Er befand: „Es schreibt in mir.“ Das sind vertraute Fallada-Geschichten. Er erzählt von sich, seiner Jugend, seinen Traumata, seiner Trauer und Verlorenheit, aber es geht auch um das „prahlerische Glück, als großer Mann dazustehen“. Dieses Buch bietet eine Mischung aus „Erfahrenem und Erfundenem“, es gibt aber auch Überraschungen, teilweise verstörende.

Rudolf Ditzen (1893-1947), der sich Hans Fallada nannte, wollte als Schriftsteller hoch hinaus, weil er in seiner Jugend so tief gesunken war. Der in Greifswald Geborene war renitent, seine Eltern kamen mit ihm nicht zurecht. Er wurde ins thüringische Rudolstadt geschickt, stand dort unter der Kuratel eines Generalsuperintendanten, der einen ordentlichen jungen Mann aus ihm machen sollte. Drei Mal musste er am Sonntag in die Kirche, die Predigten ließ er über sich ergehen.

Weil auch der Kirchenmann mit dem Jungen nicht klar kam, wurde er weitergereicht an einen pensionierten Oberst, wohl in der Hoffnung, dass ein bisschen militärischer Drill helfen könnte. Doch der alte Militär war zu müde, sich auf den lebensgierigen Abiturienten zu konzentrieren. Ditzen alias Fallada beschloss mit einem Freund den Doppelselbstmord im Duell. Er erschoss den Freund und blieb, schwer verletzt, am Leben. Eine Erfahrung, die ihn nie mehr losließ. In den „Aufzeichnungen des jungen Rudolf Ditzen nach dem Scheinduell mit seinem Schulfreund“ wird diese Geschichte bis in letzte Details erzählt.

Der Berliner Aufbau-Verlag kümmert sich hingebungsvoll um die Hinterlassenschaften des Dichters. Nachdem der Verlag vor sieben Jahren erst den Titel „Jeder stirbt für sich allein“ und vor anderthalb Jahren „Kleiner Mann – was nun?“ – beide Romane um viele Seiten erweitert – herausgab, folgen nun kleinere Prosastücke. Von 70 Geschichten sind 27 noch nie veröffentlicht worden. Es ist dem Fallada-Biograph Peter Walther zu verdanken, dass er im Nachlass gestöbert und diese Erzählungen gefunden hat. Sie sorgen dafür, dass der geniale, aber schwierige Schriftsteller besser verstanden werden kann. Denn diese Geschichten sind weitgehend autobiographisch, Selbstauskünfte aus einem tragischen, selbstzerstörerischen Leben. Fallada berichtet von Konflikten, die ihn umtreiben, seiner Widersprüchlichkeit und manchem Glück, das ihm aufgrund seiner literarischen Kraft zuteil wurde. Fallada wollte immer ein ganz Großer werden. Es war sein Lebenskampf.

Der hascht nach Effekten, er schreibt rasant, er provoziert, er ist unfähig, selbst Erlebtes nicht zu verarbeiten in seinen Texten. Dennoch sind darin literarische Perlen aus den Jahren zwischen 1910 und 1947. Es ist die Ehrlichkeit des Autors, die verblüfft. Etwa wenn er von der buckligen Leichenwäscherin schreibt, die verstorbene Kinder besonders liebevoll für die Beerdigung vorbereitet. Falladas Erzählungen verursachen Erschütterung, wir spüren, wie nahe er Menschen war, wie genau er sie beobachtet hat. Er ist aber auch sentimental und bisweilen sarkastisch.

So in „Junge Liebe“, hier erstmals veröffentlicht. 1911 hockt der Schüler am Fenster, schaut über die Lumpengasse hinweg hinüber zu einer Stickerei, in der junge Mädchen unterrichtet werden. Er verguckt sich in die 15-jährige Erna, zeigt ihr am Fenster ein Blatt Papier. Sie treffen sich auf der Gasse, schüchtern, verlegen. Weil Erna Pickel im Gesicht hat, wendet der junge Mann sich bösartig von ihr ab, kommt aber nicht von ihr los. Später wird Erna eine schöne Frau, für den Erzähler aber zu spät. Er hat sie verloren und begreift: „Alle Aufregungen und Leiden waren vergeblich.“

Hans Fallada: Junge Liebe zwischen Trümmern. Herausgegeben von Peter Walther. Aufbau, 298 Seiten, 20 Euro.