Schweinereien im Fleischgeschäft

Schweinereien im Fleischgeschäft

In Cannes konkurrieren erstmals auch Streaming-Dienste um die Goldene Palme.

Kaum war der Vorhang auf, wurde im Publikum laut gebuht und geklatscht. Minutenlang hielt diese Reaktion bei Bong Joon-hos Wettbewerbsfilm "Okja" an. Der Grund: Auf der Leinwand waren nur zwei Drittel des Bilds zu sehen. Anfangs allerdings galten der Applaus, vor allem aber die Buh-Rufe, noch dem Produzenten des Films: Netflix. Der Film- und Serien-Streaming-Anbieter ist in diesem Jahr schließlich erstmals mit zwei Eigenproduktionen in der Palmen-Konkurrenz vertreten und hat in Cannes eine heftige Debatte entfacht. Französische Kinobetreiber protestierten schon vor Festivalstart. Und am Eröffnungstag meldete sich Jury-Präsident Pedro Almodóvar in dieser Sache zu Wort. Seiner Meinung nach könne kein Film die Goldene Palme gewinnen, der später nicht im Kino läuft.

Damit verkennt der spanische Regisseur die Veränderungen in der Filmwelt. Längst arbeiten renommierte Künstler und Hollywoodstars für Plattformen wie Netflix oder Amazon. Im Fall von "Okja" konnte Bong Joon-ho ("Snowpiercer") unter anderem Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal für seinen Film gewinnen, den es ohne Netflix wahrscheinlich gar nicht gegeben hätte. "Ich hatte totale Freiheit, Netflix hat zu keinem Zeitpunkt eingegriffen", sagte der Südkoreaner, dessen Film von der Freundschaft eines Mädchens zum Riesenschwein Okja handelt. Das Schwein ist eine genmanipulierte Probezüchtung eines Konzerns und soll für die Fleischproduktion nach New York gebracht werden. Das Mädchen und Tierschützer versuchen, es zu retten. Im Kontrast dazu sind die Verantwortlichen der Konzerne Karikaturen: Swinton als überspannte Vorstandsvorsitzende, Gyllenhaal in einer albernen Performance als vom Konzern vereinnahmter TV-Tiershow-Moderator.

"Okja" ist ein rührender Film über eine ungewöhnliche Freundschaft mit einer bildstarken Mischung aus überdrehter Satire und sympathischem Tierschutz-Plädoyer.

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