Schriftsteller Wilhelm Genazino ist gestorben.

Nachruf auf Wilhelm Genazino : Der dort suchte, wo nichts geschah

Kein anderer Schriftsteller machte das literarische Flanieren über Jahrzehnte so ausdauernd zu seinem Programm: ein Nachruf auf Wilhelm Genazino.

Als im vergangenen Februar sein 21. Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ erschien, stellte man sich selbst als unverbesserlicher Genazino-Sympathisant beim Lesen die etwas ketzerische Frage, ob der wohl größte zeitgenössische deutsche Romancier einer Literatur des Beiläufigen, Müßiggängerischen und Stadtstreunerischen nur noch auf seiner bewährten Klaviatur spielt. Oder ob Wilhelm Genazino seinem Werk doch noch neue, nicht nur unter der Rubrik „Altbekanntes“ zu subsumierende Facetten hinzufügen konnte. Je länger man sich fest las, umso klarer ward die Antwort: Einmal mehr gelang ihm das Kunststück, einen ganzen Roman lang die Welt einzig und allein aus der Perspektive eines grenzenlos selbstbezogenen Ichs zu spiegeln, das sein Leben am liebsten „stilllegen“ würde.

Außer ebenso kursorischen wie kuriosen Alltagsbeobachtungen und Lebensbetrachtungen passierte zwar wieder nicht viel in diesem Roman, dessen verkapptes Alter ego sein Autor uns schon auf der ersten Seite mit den Worten vorstellte: „Ich gehörte zu den vielen Herumstreunern, die nicht recht wussten, was sie hier zu suchen hatten.“ Wobei „hier“ nicht alleine Frankfurt meinte, sondern die Welt überhaupt. Am Ende aber war man ihm dann einmal mehr erlegen: „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ erwies sich als eine hinreißende literarische Meditation über ein Durchschnittsleben, das in dem Fall von zahllosen Erinnerungsresten und Alterungsanzeichen durchsetzt war. Aus seinem immer noch reich gefüllten Fundus (selbst-)ironischer Einfälle, Eindrücke und Erwägungen montierte Genazino abermals einen subjektiven Totalkosmos zusammen, der uns im Spiegel einer typischerweise beschädigten Genazino-Existenz das eigene Leben erkennen ließ: Szenen der Ratlosigkeit, Zermürbtheit, Selbstverlassenheit und Verletztheit, die der 1943 in Mannheim in ein proletarisches Elternhaus hineingeborene Genazino zu Konfliktklassikern verdichtete, deren Situationskomik von liebenswerter Nachsicht waren.

Als Schriftsteller hatte der die meiste Zeit seines Lebens in Frankfurt wohnhafte Genazino mit seiner in den späten 70ern erschienenen legendären „Abschaffel“-Trilogie nur ein Nischenpublikum gefunden. Mit ihr gelang ihm die vielleicht gültigste Beschreibung der zwischen Hoffnung, Ernüchterung und Trostlosigkeit hin und her taumelden Angestelltenwelt unserer Zeit. Erst mit dem Büchner-Preis von 2004 gelang ihm als Autor der verdiente und überfällige Durchbruch. Seither lagen ihm alle Feuilletons regelmäßig zu Füßen. Mit jedem neuen Roman delektierte man sich an dem für ihn typischen Setting: Prekärer Typ (finanziell wie charakterlich), der die eigene Antriebslosigkeit mit einer mehr oder minder deutlichen Selbstgefälligkeit verbrämt, lebt in einer routinierten, aber sexuell ziemlich munteren Paarbeziehung und lotst sich ansonsten als bekennender Zaungast der Moderne durchs Leben. Dabei hält er seine Melancholie dadurch in Schach, dass er all die gärende Unglücke des Alltags, deren er bei seinen Streifzügen unentwegt gewahr wird, lediglich in homöopathischen Dosen an sich heranlässt. That’s it: Im Grunde hat Genazino dieses Arrangement in all seinen Büchern immer nur – aber was heißt „nur“?, genau darin zeigte sich seine hohe Kunst – variiert und  im Idealfall auf neue Höhen getrieben. Aus seiner mittleren Werkphase der 80er und 90er Jahre sind da in erster Linie etwa die hinreißenden Romane „Leise singende Frauen“ (1992) und „Die Kassiererinnen“ (1998) zu nennen, während aus den späteren maßgeblich „Ein Regenschirm  für diesen Tag“ (2001) und „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ (2003) herausragen.

Als Genazino, beflügelt durch den Büchner-Preis, dann zu einer Art Volksschriftsteller für die bürgerlichen Kreise avancierte, büßten manche seiner Romane (etwa „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ von 2009 oder „Wenn wir Tiere wären“ von 2013) durch ihre routinierte erzählerische Glattheit ihre alte Kauzigkeit und Schrullenhaftigkeit ein. „Man  muss dort suchen, wo nichts geschieht“, dieser Satz aus „Bei Regen im Saal“ beschreibt recht genau die literarische Arbeitshaltung Genazinos über ein halbes Jahrhundert hinweg –  beginnend mit dem 1965 erschienen, von ihm später gering geschätzten  Debüt „Laslinstraße“ bis hin zu „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“. Am Mittwoch ist Wilhelm Genazino, wie sein Verlag erst gestern kundtat, nach kurzer Krankheit mit 75 Jahren gestorben. Wir verlieren mit ihm einen der kundigsten Protokollanten der deutschen Seele.

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