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St. Ingberter Pfanne: Schöner scheitern mit Frau Bosetti

St. Ingberter Pfanne : Schöner scheitern mit Frau Bosetti

Der vierte Tag der St. Ingberter Pfanne legte die Kleinkunst-Latte in der Stadthalle wieder deutlich höher. 

Die diesjährige Pfanne hatte eine miese Frauenquote – von insgesamt 27 Teilnehmern nur zwei weibliche. Umso schöner, dass die einzige Solistin im Wettbewerb richtig abräumte: Mit intelligentem literarischem Kabarett machte Sarah Bosetti am Mittwoch gleich zu Anfang klar, dass der vierte Abend die Niveau-Latte deutlich höher legen würde als der schwächelnde Vortag. Bosetti erzählte Geschichten vom schönen Scheitern, an Beziehung­en und Zielen. Mal las sie vor, mal plauschte sie auswendig, mal beließ sie es bei vielsagenden Andeutungen, um dann wieder in verbalen Sturzbächen zu baden, hemmungslos zu übertreiben oder surreale Elemente einzuflechten. Aber was oder wie sie es auch sagte: Es war durchweg klug, stellte Dinge genüsslich in Frage, brach mit Erwartungen, zeugte von einer dezidierten Haltung (ihr raffiniertes Bekenntnis zum Feminismus etwa), von Sensibilität, Empathie und sarkastischem Humor – und fein ziselierte Lyrik kann die Frau außerdem.

Die bevorstehende Bundestagswahl war zwar auch am letzten Pfannen-Abend kein Thema, aber dass er unpolitisch gewesen wäre, kann man Stefan Danziger nun wirklich nicht vorwerfen: Der gebürtige Dresdener entpuppte sich als kabarettistischer Knaller und hatte das Publikum von der ersten Sekunde an im Griff. Danziger ist der Typ, der mühelos jede lahme Party aufmischt: ein unwiderstehliches Unterhaltungstalent alter Schule mit frecher Berliner Schnauze, Charme und Mutterwitz.

Als knuffiger Berliner Stadtführer schwadronierte er ungezwungen drauflos, entwarf absurde Phantasieszenarien und mischte kuriose Alltagsbeobachtungen aus Berlin, dem deutschen Osten oder der Sowjetunion mit politischen Seitenhieben. Dass das alles obendrein kulturhistorisch gut unterfüttert war, machte etwa seine Schilderung der „wahren“ Umstände des Mauerfalls deutlich – großartig.

Ebenfalls eine Rampensau, wenn auch ganz anderer Art, ist Chansonkabarettist Jo van Nelsen, der sich mit seinem Programm „Kitsch“ bereits 1998 eine Pfanne geholt hat. Nun trat der Routinier mit einer wie Schmidts Katze schnurrenden Band aus Kollegen vom Frankfurter Tigerpalast an, steckte persönliche Lieblingslieder in jazzige Arrangements und brachte glamouröses Varietéflair in die Stadthalle. Während sich Songs von Friedrich Hollaender oder Hildegard Knef hier im Wettbewerbsrahmen recht altbacken ausnahmen, waren Titel von Kollegen wie Bodo Wartke, Fabian Schläper oder Tina Häussermann auch zeitlich auf der Höhe. Große Gesten, ein professionell festzementiertes Zahnpasta-Lächeln, beschwingtes Tänzeln und eine maliziöse Lust am Auskosten von Emotionen und am Flirt mit den Zuschauern: Van Nelsen begeisterte mit theatralischen Interpretationen, bot aber leider inhaltlich nichts Eigenes.

Preisverleihung und Abschlussparty heute Abend ab 19.30 Uhr in der Stadthalle. Tel. (01 80) 570 07 33.