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Salzburger Festspiele zeigen Spiel Jedermann unter Corona-Bedingungen

Salzburger Festspiele : Von „Mord mit Aussicht“ zur Buhlschaft in Salzburg

Die Salzburger Festspiele trotzen in ihrem 100. Jahr allen Widrigkeiten – und machen das Unmögliche möglich.

Ein „Jahrhundert-Jedermann“ ist es schon rein kalendarisch. Da hat Caroline Peters Glück. Sie ist nämlich in diesem Jahr die Jahrhundert-Buhlschaft. Die ersten Festspiele gingen 1920, zwei Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges, über die Bühne. Die Peters hat nicht erst seit ihrer Rolle als Kommissarin in „Mord mit Aussicht“ jede Menge Fans, denen schon wegen ihr der „Jedermann“ eine Reise wert ist. Aber das berühmte Belehrungsstück mit all den altmodisch volks(theater)tümlich in Stein gehauenen Sätzen von Festspielmitbegründer Hugo von Hofmannsthal ist seit je der Kassenknüller in Salzburg. Und trotzdem ist es ein Stück zur Stunde, indem es uns lieb gewordene Selbstverständlichkeiten radikal hinterfragt.

Der Tod ruft den reichen Mann mitten aus dem Leben und fordert von ihm die Bilanz seiner Taten ein. Seither lesen sich die Besetzungen von Jedermann und Buhlschaft, Tod und Teufel und allen anderen drumherum wie ein Who is Who der populärsten Schauspieler und (-innen) deutscher Zunge.

Es ist ein besonderes österreichisches Phänomen. Allein der Wirbel, den die Besetzung und das Kleid, das sie trägt, der Buhlschaft verursachen, sind nur erklärbar, wenn man die Namen der Vorgängerinnen Revue passieren lässt. Unter anderen Nina Hoss und Veronica Ferres, Sophie Rois und Sonny Melles, Christiane Hörbiger und Senta Berger und so weiter. Keine war sich zu schade für diese Nebenrolle mit ihren nur 36 Sätzen. Und die Peters passt da genau rein. Michael Sturminger hat den Festspiel-Klassiker das erste Mal vor drei Jahren in die Gegenwart gehievt. Die live beigesteuerte Musik von Wolfang Mitterer vermag dabei eine ganz eigenständige Faszination zu entfalten. Tobias Moretti, der davor auch schon den Teufel gespielt hatte, ist seither der Jedermann. Es ist ein schöner Theatermoment, dass sich die Peters in ihrem ersten und Moretti in seinem letzten Jedermann-Jahr noch auf der Bühne begegnen. Sie passen einfach fabelhaft zusammen, bewegen sich im Wie des Spiels besser in die Gegenwart, als mit dem Was sie sagen. Großartig Gregor Bloeb als Jedermanns Gesell und Teufel, Edith Clever als Mutter und Peter Lohmeyer als Tod und alle andere.

Am Eröffnungstag, der gegen alle Widerstände trotzig durchgesetzten Jahrhundert- und Corona-Ausnahme Festspiele, hatte Alexander Kluge mittags in der Felsenreitschule in seiner typisch anekdotisch collagierenden Art über die letzten hundert Jahre geredet. Immer, wenn er vom klaren Gedankenpfand abkam, bewies er, dass er nicht nur Kluge heisst….

Bereits am Nachmittag gab es zu strahlend heißem Salzburg-Sonnenschein eine grandiose musikalisch ohne jede Coronaeinschränkung über die Bühne gehende „Elektra“-Premiere in der Felsenreitschule. Am Abend dann, als es zum „Jedermann“ Richtung Domplatz ging, folgte ein zünftiges (auch salzburgtypisches) Gewitter, zwang zur per se etwas sterileren Ersatzvariante im Großen Festspielhaus und bei der vorgesehenen Live-Übertragung im Fernsehen
zur aufgezeichneten Generalprobe.

Und sonst? Die Zuschauer, die auf Lücke sitzen (ohne frei gelassenen Reihen), tragen brav ihre Masken, die sie nur zwischen Beginn der Vorstellung und des Beifalls abnehmen. Im Saal herrscht trotzdem ein Gefühl von „fast wie immer“. Hier ist man jedenfalls um Klassen disziplinierter, als die nächtlichen Besucher der Straßen-Bars auf der anderen Seite der Salzach, wo man besser die Straßenseite wechselt, um vorbei zukommen.

In Salzburg hat mit den Festspielen ein Großversuch in Sachen Kultur begonnen, der Hoffnung machen soll. Und Hoffnung bereits jetzt schon macht. Das war vor 100 Jahren so. Und ist es aus anderen Gründen heute wieder. Mehr als
uns lieb ist.