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Salingers "Der Fänger im Roggen" bleibt zeitlos

Lesetipp zum Welttag des Buches : Der größte Held aller Pubertierenden

Für manches Geschenk ist man ein Leben lang dankbar. Nicht zuletzt, wenn es einen Jahrzehnte lang begleitet. Es war wohl der perfekte Zeitpunkt, an dem ich „Der Fänger im Roggen“ geschenkt bekam – mitten in der tiefsten Pubertät.

Mindestens 35 Jahre ist das her, aber die Bekanntschaft mit Holden Caulfield, dem Helden dieses Romans, blieb unvergesslich: ein 16-Jähriger auf Kurz-Odyssee in New York, abgestoßen von der Welt der Erwachsenen, die er als verlogen und oberflächlich empfindet; zugleich enerviert von den meisten Altersgenossen, denen er eine gewisse Blödheit unterstellt. Und auch ein bisschen genervt von sich selbst ist dieser junge Mann und von der Ungewissheit, wie das alles werden soll im verhassten Erwachsenenleben, in das man unweigerlich hineinwächst.

Ein wunderbarer, bittersüßer Roman ist das, zornig und zart, witzig und melancholisch. So ist das eben in der Pubertät – man fühlt sich unverstanden, hält den Rest der Welt für blöde, glaubt von sich selbst, als einziger den großen Durchblick zu haben und, besonders wichtig, es später einmal anders zu machen als alle anderen. Nur: Irgendwann ist man dann ja doch in der Erwachsenenwelt gelandet und wird nun selbst von 16-jährigen Holden Caulfields für einen oberflächlichen Langweiler gehalten. Das ist wohl der Lauf der Welt. Schade nur, dass J.D. Salinger keine späte Fortsetzung des Romans geschrieben hat – Holden Caulfield im mittleren Alter? Das wäre interessant geworden.

J.D. Salinger: "Der Fänger im Roggen". Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Rowohlt, 272 Seiten, 10 Euro.