Saarlouis noir

Mit „Die Rückkehr meines linken Arms“ legt der in Saarlouis lebende Autor und Medienkünstler Andreas Drescher ein literarisches Panorama von Bewohnern Saarlouis' und Umgebung im vergangenen und diesem Jahrhundert vor. Der in Berlin lebende saarländische Lyriker Konstantin Ames hat es für uns gelesen.

Erstaunlicherweise ist die Stadt Saarlouis für die bundesrepublikanische Nachkriegsliteratur ein bisher weitgehend unbekannter Topos. Freilich hat die Stadt in Alfred Gulden einen fähigen Chronisten. Das Problem an Chroniken ist jedoch, dass das Typische in den Vordergrund gerückt wird. Das Typische hat den Vorteil vor dem Abseitigen und Grotesken, dass es charmanter und gefälliger wirkt. Das Deviante, sprich das Abweichende, gehört jedoch ebenso wie das Offizielle und das Authentische zu den Spielarten der Regionalliteratur, auf deren beständige Gefahr, in Bräsigkeit und Kitsch abzurutschen an dieser Stelle nur kurz und seufzend hingewiesen sei.

Bereits der Titel "Die Rückkehr meines linken Arms", den der Saarlouiser Autor Andreas H. Drescher für sein Buch gewählt hat, gibt einen recht genauen Hinweis darauf, dass hier nicht mit gesittetem Realismus oder einem Sittengemälde gerechnet werden darf. Genrekenner werden vielleicht eine Assoziation zur Gruselkomödie "Adam's Family" haben; dort hat ein "Eiskaltes Händchen" mehrere Auftritte; an den Saaraltarm inmitten von Saarlouis lässt sich denken. Die berührende Liebesgeschichte "Sojamilch-Regatta" streift diesen besonderen Flecken von Saarlouis, den "Alt-Arm des Flusses". Drescher selbst gibt in einer Vorbemerkung eine sozialromantisch anmutende Erklärung für die Titelwahl.

Was Andreas Drescher vorlegt, ist ein über weite Strecken vitales Panorama von Bewohnern der Stadt Saarlouis und Umgebung im vergangenen und in diesem Jahrhundert. Dies in einer strikt durchgehaltenen Episodik. Verbindendendes Element ist die soziale Randlange seiner Figuren. Im Neudeutsch der Selbstoptimierungsgesellschaft wäre dieser Personenkreis als Ansammlung von Nerds, Freaks und Geeks zu bezeichnen. Es treten auch veritable Kriminelle auf, Heiratsbetrüger, Vergewaltiger, Mörder, "Ehrenmörder". Manchmal schrammt die Schilderung hart die Grenze zur Kolportage. Das Gros des Buches besteht aus mehr oder weniger schnörkellos geschriebenen Geschichten über Enttäuschung, Verlust, trotzigen Widerstand und Selbsttäuschung; unterbrochen werden diese Prosastrecken, die längste gerade mal 20 Seiten, von schillernden Prosaminiaturen, die am ehesten an die Kurzprosa Robert Walsers erinnern.

Einfach ist nichts daran, auch da irrlichtert der Vorwort-Text, aber es wird nichts verkompliziert. Störend wirkt an einigen Stellen nur ein ältlicher Erzählton, der dann und wann unnötig Tempo aus der Narration nimmt. Gut gemeint sein mag auch das Glossar, das unbedingt hätte gekürzt werden müssen, nämlich um Begriffe, die zur Allgemeinbildung gehören. Das sind kleine Ärgerlichkeiten, die zeigen, dass das Manuskript kein herkömmliches Verlagslektorat durchlaufen hat. Auch muss das Buch gegen sein Vorwort, und sei es noch so knapp gehalten, in Schutz genommen werden. Es wirkt in dieser Form blass und harmlos und kann ohne Verständnisverlust überlesen werden.

Beindruckend ist der Wille von Drescher, sich unterschiedlichsten Genres anzunähern. Die klassische Kurzgeschichte steht hier neben Naturschilderungen, Kalendergeschichten, Anekdoten, Satiren, Vignetten. Saarländische Stimmen, die in einem Buch ein derartiges Repertoire zu entfalten und durch die Fähigkeit zum Wechsel der Tempi und Tonlagen zusammenzuhalten vermögen, die, scheint's, sind äußerst rar gesät.

Gefragt nach den Gründen für seine Entscheidung, sein Manuskript selbst zu verlegen, wurde vom Autor eine Odyssee durch die Untiefen der saarländischen Verlagsszene angedeutet, die nur traurig stimmen kann. Dabei wäre es unsachgemäß, Andreas H. Drescher als einen randständigen Autor zu bezeichnen. Außer einer Publikation in der Edition Saarländisches Künstlerhaus war er mit seinen intermedialen Kunstprojekten etwa Gast des Poesiefestivals Berlin; Drescher ist außerdem als Hörspielautor und Filmemacher tätig und unterhält sich mit der von ihm kreierten Künstlichen Intelligenz "Maldix".

Dieses virtuelle Gespräch hält Drescher jedenfalls nicht davon ab, deklassierte und vom Leben durchgeschüttelte Mitmenschen in seiner Heimatstadt Saarlouis mit unsentimentaler Empathie zu zeichnen und der Leserschaft einen intensiven Eindruck zu verschaffen von "seinem" Saarlouis, einem Saarlouis noir. Wer hier die dialektale Färbung vermisst, der wird sich durch die unzähligen dialektischen Kniffe und Abbiegungen des studierten Philosophen Drescher schadlos halten können. "Die Rückkehr meines linken Armes", und damit der Auftritt des Medienkünstlers Drescher als Erzähler, ist jedenfalls ein wohltuender Kontrapunkt zu den, ja doch, unverzichtbaren, aber eben auch ungeheuer probaten saarlouisbezüglichen Guldeniana.

Der Landkreis Saarlouis hat Dreschers Publikation im Rahmen des 200jährigen Jubiläums gefördert. Hoffentlich wird es das nicht gewesen sein, heißt es (vielleicht zurecht) doch: "Großes entsteht immer im Kleinen". Im besten Text der Sammlung, der Dorf- und Sonderlingsgeschichte "Der traurige Hans", spielt Drescher übrigens auf Alfred Guldens kraftvollen Roman "Die Leidinger Hochzeit" an. Man darf, man muss aber nicht zwingend, darin ein oppositionelles Signal erkennen. Es gibt seit Andreas H. Dreschers Prosasammlung zwei beachtliche Saarlouis-Narrative.

Andreas H. Drescher: Die Rückkehr meines linken Armes - Geschichten einer Gegend. Edition Abel, 203 S., 19,99 €.

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