Saarbrücker Ausstellung „Chansons sans frontières“

Saarbrücker Ausstellung „Chansons sans frontières“ : Ein Liebeslied an das Chanson in 70 Bildern

Die sehr sehenswerte Saarbrücker Ausstellung „Chansons sans frontières“ zeigt mit knapp 70 Fotografien, welche Chansonkünstlerinnen und -künstler an der Saar zu Gast waren, vor allem in den 1960ern und 70ern. Ein wohliges Wiedersehen.

Das Saarland hat (mehr oder weniger, je nach Standpunkt) eine Frankreichstrategie – der Franzose Gilbert Bécaud hatte eine Saarlandstrategie, für den Fall, dass er in Saarbrücken Deutsch singen musste. „Das Élent wie ein böser Flouch“ steht da auf einem großen Zettel, und „dékt darüber wie ein Touch“. Ein bisschen Aussprachehilfe  für „Monsieur 100 000 Volt“, beim Singen von „Das große Nichts“ auf dem Halberg. Zu sehen ist das auf einer von knapp 70 Schwarzweiß-Fotografien, die jetzt unter dem Titel „Chansons sans frontières“ in der Unionstiftung in Saarbrücken ausgestellt sind: Porträts, Presse- und Konzertfotos, Plakate und Aufnahmen bei der Arbeit – siehe Bécaud beim Proben mit Hilfszetteln im Sendesaal des Saarländischen Rundfunks, der bis heute ein großer Förderer der Chansonkultur ist.

Die Ausstellung des Landesarchivs Saarbrücken, im Rahmen der Reihe „Pictures of Pop“ (wir berichteten), sollte ursprünglich auf dem Fundus zweier Fotografen fußen: Julius C. Schmidt und Ferdi Hartung, wie Jutta Haag vom Landesarchiv erklärt, die „Chansons sans frontières“ kuratiert hat – ebenso wie die Ausstellung „Pop-Ikonen im Saarland“, die in der Unionstiftung bis Oktober lief. Doch bei der Zusammenstellung der Fotografien, die sich erst nur dem klassischen frankophonen Chanson widmen sollten, fand Haag das Thema „zu eindimensional“ und erweiterte es, nahm auch deutsche Chansonkunst mit hinein: Reinhard Mey etwa, der ja als „Frédérik Mey“ auch Französisch sang, oder Udo Jürgens, dessen Wege sich im Saarland regelmäßig mit denen von Bécaud kreuzten. Als dann Landesarchiv-Kollege Paul Burgard erzählte, er habe Fotografien von Besuchen Zarah Leanders entdeckt (einige davon sind im aktuellen Buch „Filmrausch – Das Kinowunder im Saarland“ zu sehen), wollte Haag auf die nicht verzichten und erweiterte die Ausstellung um den Begriff „Diseusen“. Zu sehen sind nun Fotografien von 1948 (die Leander im Saarbrücker Hotel Excelsior) bis 1991 (Daniel Guichard auf dem Halberg), aufgenommen von Schmidt, Hartung, Walter Barbian, Paul Hartmann und Hans J. Hoffmann.

Streng chronologisch geordnet ist die Schau nicht, aber im Erdgeschoss begegnet man unterm Motto „Diseusen und Liedermacher“ doch den ältesten Motiven: der Leander etwa auf einem vielsagenden Foto von 1948. Sie blickt auf ein noch verwüstetes Saarbrücken hinab – Nachwirkung eines mörderischen Regimes, dessen größter weiblicher Star sie war. Auf einem anderen Bild umarmt sie ihren damaligen Partner Michael Jary, der für sie 1942 „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ schrieb; 1946 gründete er das Tanzorchester von Radio Saarbrücken, aus dem sich der SR entwickelte. Musik- und Mediengeschichte. Eines der stärksten Motive ist ein Bild von Schauspielerin/Sängerin Hildegard Knef bei Dreharbeiten für ein TV-Porträt 1963 auf dem nächtlichen Saarbrücker Hauptbahnhof. Ein Bild wie aus einem Film Noir.

Ansonsten treffen wir im Erdgeschoss gute alte Liedermacherbekannte wie Reinhard Mey (1972 in der Saarlandhalle mit Turnhallen-Anmutung), Konstantin Wecker (gewohnt energetisch 1972 in der Kongresshalle), Milva (melodramatisch 1979 in der Saarlandhalle) und Gisela May als markante Dreifachbelichtung, 1978 in der Kongresshalle aufgenommen.

Hildegard Knef im August 1963 auf dem nächtlichen (und gesperrten) Saarbrücker Hauptbahnhof. Hier drehte Truck Branss ein TV-Porträt mit der Knef. Ein Motiv wie aus einem Film Noir. Foto: Landesarchiv Saarbrücken/Ferdi Hartung

Das traurigste Bild der Ausstellung hängt im Treppenhaus – eine Aufnahme von Schauspieler/Chansonnier Serge Reggiani mit seinem Sohn Stéphan, der als Musiker nicht aus dem Schatten des Vaters herauszutreten vermochte. Sechs Jahre nach dieser Aufnahme auf dem Halberg von 1974 nahm sich Stéphan Reggiani das Leben, im Alter von 34 Jahren.

Im ersten Stock beginnt „die eigentliche Chanson-Ausstellung“, wie die Kuratorin Jutta Haag sagt. Ein buntes Plakat für einen Auftritt von Edith Piaf 1946 in Saarbrücken (in der Mainzer Straße 30) macht den Anfang, dann begegnet man allerlei Klassikern: einer lässigen Françoise Hardy in den 1960ern, Lydie Auvray am Akkordeon, Georges Moustaki an der Gitarre, Barbara mit einem Glas Wasser. Manchmal sind dies routinierte, handelsübliche Konzertfotografien; manchmal gelangen Aufnahmen, die einen ganzen Auftritt in einem Augenblick wunderbar verdichten – etwa mit einem einem melancholischen Charles Aznavour, ein Mikrokabel auf der kleinen Fingerspitze balancierend und dazu dreinblickend, als habe er das Wort „Weltschmerz“ gerade selbst erfunden.

Zeitlos elegant, auch bei der Nahrungsaufnahme: Barbara („Göttingen“). Foto: Julius C. Schmitt / Landesarchiv SB. Foto: Landesarchiv Saarbrücken/Julius C. Schmidt

Aufschlussreich sind auch einige Fotos, die das Chanson-Publikum der 1970er in den Saarbrücker Konzertsälen oder beim SR zeigen: etwas älter, etwas aufwendiger gekleidet und etwas öfter beim Friseur als etwa das Rockmusik-Publikum jener Zeit, deren Wallehaar man bei der „„Pop-Ikonen im Saarland“ bewundern konnte. Allerdings konnten Chansonfreunde, wenn nicht randalieren, dann zumindest drängeln, was man auf einem Foto von 1969 sehen kann: beim Einlass in der damals gerade erst zwei Jahre alten Saarlandhalle zu einem Konzert des raustimmigen Belgiers Adamo.

Die Fotos im zweiten Stock widmen sich vor allem zwei Künstlern, „zwei Symbolen dafür, dass der Chanson in Deutschland ganz groß geworden war“, auch in kommerzieller Hinsicht, wie Kuratorin Haag erklärt: Mireille Mathieu, dem „Spatz von Avignon“, und Gilbert Bécaud. Ein Plakat Ende der 1960er wirbt für eine TV-Aufzeichnung im Funkhaus Halberg mit „Monsieur 100 000 Volt“ und vermerkt stolz: „Farbfernsehen“ (!). Der Eintritt kostete damals schlanke vier Mark, Regie führte die TV-Legende Truck Branss. Bécaud begegnen wir auch mit Udo Lindenberg (siehe großes Foto) und Nana Mouskouri; er war oft in Saarbrücken zu Gast. Mireille Mathieu ist unter anderem im Deutsch-Französischen Garten abgelichtet, mit einer Taube in den Händen. Ein Zeichen der Völkerverständigung, an einem symbolträchtigen Ort? Mitnichten, erklärt Haag. „Das Bild entstand bei einem Katerfrühstück nach der Verleihung der Goldenen Europa 1974“, sagt die Kuratorin, „und dieTaube war ein Geschenk der Plattenfirma“, hatte die Französin doch gerade mit „La paloma ade“ einen großen Hit – und wurde später nach ihren Chanson-Anfängen in Deutschland eher in Richtung Schlager vermarktet.

Mireille Mathieu 1974 im Deutsch-Französischen Garten in Saarbrücken. Die Taube ist kein Symbol der Völkerverständigung, sondern ein Geschenk der Plattenfirma für ihren Hit „La paloma ade“. Foto: Landesarchiv Saarrücken/Juius C. Schmidt
Georges Moustaki auf einer undatierten Aufnahme. Foto: Landesarchiv Saarbrücken/Ferdi Hartung
Patricia Kaas, die von Forbach aus den Chanson in die 1990er führte. Foto:  Ferdi Hartung /Landesarchiv Saarbrücken. Foto: Landesarchiv Saarbrücken/Ferdi Hartung

Mit einem Blick in die frühen 90er Jahre schließt die Ausstellung – nicht, weil im Saarland das Chanson ab da weniger ein Thema gewesen wäre. Doch Julius C. Schmidt, der sich der Konzertfotografie ausgiebig gewidmet hatte, ging ins Pension und fotografierte deutlich weniger. Aber die 2018 verstorbene France Gall kann man nochmal bei der Goldenen Europa 1988 sehen, ebenso wie Guesch Patti, mit „Étienne“ ein eher kurzlebiges Phänomen eines modernen Pop-Chanson. Nicht fehlen darf Patricia Kaas, die den Chanson aus Forbach sozusagen in die 1990er geleitete. Dass sie vor wenigen Jahren dann mit einem Edith-Piaf-Programm auf Tournee ging, zeigt, dass das Chanson-Genre eben unvergänglich ist – ein bisschen wie die Frisur von Mireille Mathieu.

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