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„Rough And Rowdy Ways“ ist ein spätes Meisterwerk.

Neues Album von Bob Dylan : Dylan driftet hinter die Dinge des Lebens

Bob Dylan legt mit „Rough And Rowdy Ways“ ein neues Album vor. Dylan-Routine oder ein spätes Meisterwerk?

Er ist „in a melancholy mood“, so nennen Sinatra-Fans diese Stimmung, die sich ein bisschen wie Traurigkeit anfühlt, aber viel schöner ist. Bob Dylan vergleicht sich mit Edgar Allan Poe, was einleuchtet, wenn man diese Platte durchgehört hat. Er gibt ein Motto aus, das so lautet: „Today and tomorrow and yesterday, too / The flowers are dying like all things do“. Und dann erzählt er eine Gänsehaut-Geschichte, und tatsächlich singt er sie nicht, sondern spricht sie, und man weiß nicht, ob das nun Slapstick-Horror ist, existenzialistische Comedy oder Shakespeare-Persiflage. Jedenfalls ist er in diesem Lied gottgleich, er streift durch Leichenhallen und über Friedhöfe, er reanimiert Tote, um an das Wissen zu kommen, das sie in ihren Leben angehäuft haben. Er tut das, weil er ratlos ist und rastlos – und weil er endlich die letzten Fragen beantworten möchte: „Can you tell me what it means: To be or not to be?“

Bob Dylan, der zuletzt in der Region 2009 in der Saarbrücker Saarlandhalle auftrat, hat ein neues Album veröffentlicht, es heißt „Rough And Rowdy Ways“ und ist seine beste Veröffentlichung seit dem Meisterwerk „Time Out Of Mind“ im Jahr 1997. Der Resonanzraum dieser zehn Stücke ist so weit, dass man fünf Jahre darin herumreisen könnte und immer noch neue Sehenswürdigkeiten finden würde.

Man nähert sich diesem Kunstwerk am besten, indem man es als inneren Monolog eines Mannes begreift, der im Auto durch die USA fährt, falsch abbiegt und hinter die Dinge gerät. In das mythische Amerika, in eine Spiegelwelt, in der man erkennt, wie stark die Dinge an der Oberfläche unterirdisch miteinander verknüpft sind. Nichts existiert ohne das andere, nichts passiert, ohne dass es Wirkung auf uns hätte. Dylan folgt feinen Nervenbahnen, die von Kennedy zu Anne Frank verlaufen, von Indiana Jones zu Buster Keaton, von Alcatraz nach Tulsa, von der Air Force One zu den Eagles, von William Blake zu den Stones und Elvis.

Er veröffentlichte in den vergangenen acht Jahren vor allem seine Anverwandlungen von Klassikern aus dem Great American Songbook, was manchmal ganz schön schräg war. Hier gibt es nun ausschließlich eigene Stücke zu hören, alle neu, und zum Teil – wie Dylan in einem Interview mit der „New York Times“ sagte – wie in Trance geschrieben. Der Trance-Zustand überträgt sich auf den Hörer, man muss sich nur mal das grandiose, neun Minuten lange Stück „Key West“ anhören. Dylan diffundiert in einer traumhaften Szene mit Kerouac und Ginsberg über die Route 1 nach Florida, es flirrt und wabert, und er reflektiert in diesem Transit zwischen real und imaginär über das Sterben und die Unsterblichkeit.

Dylan hat auf dieser Platte etwas Zugewandtes, etwas Menschliches, und so doof das klingen mag, aber bekräftigt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass er so deutlich spricht, wie man das lange nicht gehört hat: Er möchte verstanden werden. Das ist ja ohnehin ein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, dass Dylan sich öffnet: sein Posting zum Tod von Little Richard, den er als Leitstern seines Lebens bezeichnete. Und dann das 17 Minuten lange Lied „Murder Most Foul“, das er den Menschen auf dem Höhepunkt des Lockdown schenkte, damit sie etwas zum Entschlüsseln haben, etwas, das ihnen Freude macht. In den Textfalten verbergen sich Emotionen. Das Stück wurde zu seiner ersten Nummer eins in den US-Single-Charts in 60 Jahren Karriere.

Die Stimme steht im Vordergrund, die Drift der Wörter reißt den Hörer mit, aber er fällt weich in die repetitiven und dichten Arrangements von Dylans Live-Band, die zunächst unscheinbar wirken, aber so virtuos sind, dass man ihnen einen eigenen Hör-Durchgang widmen sollte. Und wer nun denkt, der fast 80-jährige Dylan hört sich inzwischen bestimmt an wie ein emeritierter Prof für amerikanische Literatur, der irrt. Es geht nämlich fast immer um die Gegenwart, es wird nur selten nostalgisch oder wehmütig.

Dylan wagt seine Exkursionen ins Unlösbare und seine Tauchfahrten ins Ungefähre, um die eigene und allgemeine Erfahrung aus dem Dunkel des scheinbar Bekannten zu bergen. Er unterzieht die Phänomene dem Dylan-Test: Ist das Wirklichkeit oder Traum, und wenn ja, wie viele Versionen gibt es davon? Hier wird nun neuerlich deutlich, dass Dylan gar kein Sänger ist, sondern ein Psychologe mit einem Händchen für Geschichten im Versmaß. Ein Rhapsode. Man kann sich die Texte auch gerappt vorstellen. Ja, im Ernst: Im Grunde rappt Dylan, und mit was für einem Flow: „I’ll take the Scarface-Pacino and the Godfather-Brando / Mix ‘em up in a tank and get a robot commando.“

Man taucht ein in dieses Album, man versinkt darin, und wenn es nach 70 Minuten zu Ende ist, reibt man sich die Augen und fühlt sich leichtherzig und schwermütig zugleich. „I hope that the gods go easy with me“, singt Dylan. Es ist nicht das Einzige, was ihn mit uns verbindet.

HANDOUT - 14.06.2020, ---: Das Cover von «Rough And Rowdy Ways» von Bob Dylan. Das neue Album des Singer-Songwriters wird am 19.06.2020 veröffentlicht. (zu dpa "Von 1963 bis in die brutale Gegenwart: Bob Dylan schließt den Kreis") Foto: -/Sony Music/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über das Album und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/-

„Rough And Rowdy Ways“ ist digital und als CD erschienen. Das Vinyl-Album erscheint am 17. Juli.
Tipp: Jüngst erschien das Box-Set „Travelin‘ Thru 1967-1969: The Bootleg Series“, das unter anderem Dylans Zusammenarbeit mit Johnny Cash dokumentiert.