Rod Stewart : Die britische Reibeisenstimme wird 75

Mit „Sailing“ und „Baby Jane“ landete er in den 70er und 80er Jahren Welthits. Am Freitag feiert Rock- und Popsänger Rod Stewart seinen 75. Geburtstag.

Das war ein Eigentor für den Fußballfan Rod Stewart: Mit seinem neuen Album, das er mit dem Royal Philharmonic Orchestra aufnahm, war er Mitte Dezember auf Platz eins der britischen Album-Charts. Per Twitter bedankte sich der Rock- und Popsänger bei seinen Fans – und beglückwünschte beiläufig den britischen Premierminister Boris Johnson zu dessen Sieg bei den Parlamentswahlen. „Gut gemacht, Boris“, twitterte der gebürtige Londoner mit schottischen Familienwurzeln, der am 10. Januar 75 Jahre alt wird.

Es hagelte wütende Proteste in den sozialen Medien. Dass der Weltstar und Wahl-Schotte gerade dem Brexit-Hardliner Johnson gratuliert, bringt besonders Anhänger des Fußballclubs „Celtic Glasgow“ und schottische Nationalisten auf die Palme. Ein „lebenslanges Celtic-Verbot“ will ein Vereinsmitglied gar über Rod Stewart verhängen. Der Mann mit der Reibeisenstimme und der markanten blonden Stachelfrisur gehört seit Jahren dem Club an.

Seinem musikalischen Erfolg scheint die Aufregung um seinen Tweet keinen Abbruch zu tun. Roderick David Stewart ist seit 50 Jahren im Musikgeschäft und hat mehr als 150 Millionen Tonträger verkauft. Er ist einer der erfolgreichsten Sänger des Vereinigten Königreichs, die Queen schlug ihn zum Ritter. Regelmäßig veröffentlicht er beachtenswerte Alben, die irgendwo zwischen Pop, Rock und Balladen anzusiedeln sind. Von einer 2016 festgestellten Prostatakrebserkrankung ist er wieder genesen.

Mit seiner jungen Band spielt Rod Stewart weltweit in großen Hallen und Stadien. Der leidenschaftliche Modelleisenbahner trifft sich gern mit seinen besten Freunden Elton John und dem „Rolling Stones“-Gitarristen Ron Wood auf ein Bier. Ansonsten genießt er im südostbritischen Harlow und in Los Angeles ein luxuriöses Leben mit seiner dritten Ehefrau Penny Lancaster. Von mehreren Frauen hat er acht Kinder.

Rod Stewarts musikalisch kreativste Tage liegen jedoch gut 40 Jahre zurück. Geboren 1945 in eine Arbeiterfamilie in London, startete er Mitte der 1960er Jahre seine Karriere in kleinen Bands. Er war ein Sänger mit Liebe zu keltischer Folkmusik, Blues – und todschicken Klamotten. Zwei Jahre lang unterstützte er den legendären Rockgitarristen Jeff Beck in seiner Band, 1969 wechselte er gemeinsam mit dem späteren Stones-Gitarristen Ron Wood zu den „Faces“. Im selben Jahr veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, das die weitere künstlerische Richtung vorgab: Vom erdigen Blues-Musiker wandelte sich Stewart mehr und mehr zum witzigen Entertainer, der jedem noch so gefälligen Popsong eine persönliche Note gibt.

Als Solokünstler etablierte er sich dann 1971 mit seinem dritten Album „Every Picture Tells A Story“, das Folk- und Blueselemente mit Balladen verband. Bis heute ist der Song „Maggie May“ sein größter Hit: Darin erzählt sein Alter Ego von der Affäre eines jungen Mannes mit einer älteren Frau.

In Deutschland schaffte Stewart 1975 mit der Hymne „Sailing“ den Durchbruch. Der dürre Sänger schminkte sich die Augen, zwängte sich in enge Hosen mit Schottenkaro- oder Leopardenmuster und spielte mit Geschlechterrollen - so wie David Bowie, Marc Bolan von „T. Rex“ und andere Glamrocker.

Als in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre der Disco-Sound wummerte, war auch der Partylöwe „Roddy“ dabei. „Da Ya Think I‘m Sexy?“ kokettierte er 1978 – der Song schaffte es in England und den USA an die Chartspitze. Ebenfalls auf Platz eins kam 1983 das tanzbare „Baby Jane“. Wie einst Joe Cocker versteht es Stewart, fremde Songs mit seiner heiseren Stimme zu „veredeln“. Die zuvor wenig bekannten Stücke „Downtown Train“ und „Waltzing Matilda“ des US-Sängers Tom Waits etwa machte er zu Welthits.

Auf seine Folkrock-Tage besann sich Stewart 1993 mit einem „Unplugged“-Album, aufgenommen für den Musiksender MTV. Zusammen mit Bryan Adams und Sting folgte die Ballade „All For Love“ für den Kinofilm „Die drei Musketiere“. Vier Wochen lang war sie 1994 in Deutschland ein Nummer-eins-Hit.

Stewart veröffentlichte fünf Alben mit Coverversionen von US-amerikanischen Jazz- und Swinghits. Dazwischen schob er ein „Soulbook“ mit Klassikern des Motown- und Soul-Genres (2009). „Merry Christmas, Baby“ wünschte er dann 2012 mit seinem ersten Weihnachtsalbum.

Längst scheint Rod Stewart in die Sphäre der großen Showmänner aufgestiegen zu sein. Seit 2011 gastiert er regelmäßig in Las Vegas mit seiner „The Hits“-Show. 16 Mal wird er ab März 2020 wieder im „Caesars Palace“ über die Bühne tänzeln. Den „Verlust meines Haares direkt nach dem Verlust meiner Stimme“ nannte er in seiner Autobiografie (2012) als größte mögliche Bedrohung für seine Karriere. Um die Haare muss Rod Stewart sich nicht sorgen: Die Stachelfrisur sitzt.