Risse in der Wirklichkeit

Risse in der Wirklichkeit

Surreale Begegnungen an der Elbe: Die Hamburger Kunsthalle versammelt Meisterwerke von Dalí, Max Ernst und Co. und beleuchtet das enge Verhältnis zwischen Sammlern, Mäzenen und Künstlern.

"Ich glaube an die zukünftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann, Surrealität." Dieser Satz aus dem von André Breton herausgegebenen "Ersten Manifest des Surrealismus" aus dem Jahre 1924 kann als eine Art Glaubensbekenntnis der Surrealisten verstanden werden. Was die Künstler dieser in den 1920er Jahren aufkommenden Bewegung reizte, war nicht die sachliche Darstellung der äußeren Welt. Sie waren vielmehr an den Rissen in der Wirklichkeit, an Traumzuständen, Halluzinationen, Imaginationen, inneren Befindlichkeiten und dem Unbewussten interessiert. Auf der Leinwand, in Collagen, Papierarbeiten, Fotografien, aber häufig auch in Form dreidimensionaler Objekte schleusten sie ihre Kopfgeburten in die Realwelt ein. In ihrer groß angelegten Herbstausstellung "Dalí, Ernst, Miró, Magritte... Surreale Begegnungen aus den Sammlungen Edward James, Roland Penrose, Gabrielle Keiller, Ulla und Heiner Pietzsch" entführt die Hamburger Kunsthalle ihre Besucher jetzt in die faszinierende Welt der Surrealisten. Rund 200 teils nie gereiste Meisterwerke aus vier bedeutenden europäischen Privatsammlungen machen Station an der Elbe.

Der Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers geht es jedoch nicht darum, lediglich ein "Who's who" der wichtigsten Repräsentanten des Surrealismus zu präsentieren. Im Mittelpunkt der Schau steht vielmehr das enge Zusammenwirken von Künstlern, Förderern und Sammlern. Gleich im ersten Raum der Schau werden daher die vier Sammlerpersönlichkeiten anhand zahlreicher Archivalien wie Fotografien, Skizzen, Werklisten, persönlichen Gegenständen und Briefwechseln mit den Künstlern vorgestellt. Zu den Höhepunkten der Schau zählt Dalís 1938 entstandenes "Mae-West-Lippensofa". Es ist in enger Zusammenarbeit mit dem Dichter und Mäzen Edward James entstanden. Gemeinsam mit dem Sammler hat Dalí die Farbe, die Abmessungen und den Stoff festgelegt. Als Sitzmöbel allerdings war es nicht gedacht. Dalí legte großen Wert darauf, dass seine Möbelskulpturen lediglich angeschaut, jedoch nicht benutzt werden durften.

Ein weiteres Highlight der Ausstellung stellt das 1937 entstandene Gemälde "La Reproduction interdite" ("Reproduktion verboten") des belgischen Malers René Magritte dar. Zu sehen ist die Rückenansicht einer männlichen Gestalt, die in einen Spiegel blickt. Es ist Edward James, der Magritte während des zweiten Weltkriegs in seinem Haus beherbergte. Auf dem Spiegel ist jedoch nicht die Vorderansicht mit dem Gesicht des Mannes zu sehen, sondern wiederum, in leicht verkleinerter Form, die Rückenansicht. Der Spiegel schafft also keine zusätzliche Perspektive, sondern verdoppelt nur das Objekt. Der Mann im dunklen Anzug blickt auf seinen unheimlichen Doppelgänger.

Jeweils ein Raum ist Max Ernst und Pablo Picasso gewidmet, äußerst prominent vertreten sind daneben aber auch Paul Delvaux, Dorothea Tanning, Marcel Duchamp, Man Ray oder Joan Miró. Was die Hamburger Schau besonders sehenswert macht, ist die gelungene Mischung von kunsthistorisch bedeutenden Exponaten mit kleinen Trouvaillen wie Drucksachen, Fotocollagen oder Holzobjekten. So viele hochkarätige Werke des Surrealismus waren im rational-protestantischen Hamburg wohl noch nie zu sehen. Der dringende Aufruf an alle Realitätsverweigerer, Tagträumer und bekennenden Surrrealismusfans muss also lauten: Ab in die Hamburger Kunsthalle!

„Reproduktion verboten“ von René Magritte, gemalt 1937. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Bis 22. Januar 2017, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr.

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