Premiere von "Shakespeare in Love" am Saarländischen Staatstheater

Premiere am Saarländischen Staatstheater : Shakespeare im Komödienstadl

„Shakespeare in Love“ kennt man als Film. Jetzt kann man die Bühnenversion im Saarländischen Staatstheater sehen. Die Premiere kam blendend an.

 Es ist ein Mysterium! Das ist der Routine-Ausruf von  Henslowe (Thorsten Köhler), wenn in seinem Rose Theatre alles anders kommt als geprobt und dann doch noch gut geht. Der Satz lag auch am Sonntagabend nach der Premiere im Saarbrücker Staatstheater in der Luft, als sich das Publikum in weiten Teilen zu Standing Ovations erhob. Kaum zu glauben nach diesem Abend, der nahezu über drei Stunden dicht am Abgrund krachenden Missratens balancierte und sich dann plötzlich zu ungeahnten Humorhöhen empor katapultierte.

Man hatte sich vor Vergnügen auf die Schenkel geklopft – stellenweise. Es gab gefühlsintensive Momente – zu wenige. Und man beobachtete das Ensemble dabei, wie es sich sichtlich mühte, den Klamauk-Affen zu reiten, dem die Regisseurin Bettina Bruinier Zucker geben wollte. Aber alles in allem? Dürfte dieser „Shakespeare in Love“-Abend selbst die überzeugte Gutelaune-Fraktion frustriert haben, weil sie sich unter Niveau amüsiert hat.

Shakespeare (Philipp Weigand) kämpft mit einer Schreib-Blockade. Foto: Martin Kaufhold / SST/martinkaufhold.de ;Martin Kaufhold

Denn Schauspieldirektorin Bruinier hat das handwerklich perfekt gedrechselte  rasante Stück, das nach dem Drehbuch von Tom Stoppard und Marc Norman entstand und 2018 erstmals auf Deutsch in Bad Hersfeld gezeigt wurde, zu einer Klamotte umfunktioniert. Das mit einer seltenen Konsequenz. Üblicherweise zählt letztere  zu den Regie-Tugenden, hier wird sie zum Schock für alle, die den mit sieben Oscars dekorierten Film „Shakespeare in Love“ (1998) mochten. Im Staatstheater vermissten sie nun restlos alles, was dessen Charme ausmachte: das verwirrende Spiel mit historisch-biografischer Authentizität und Fiktion, den feinnervigen Humor, den doppelten Boden, der zwischen Kitsch und Emphase  vibrierte.

Wir sind in London, 1593: Shakespeare quält sich mit einer Schaffenskrise. Er verliebt sich in die Adelige Viola, die, obwohl es verboten ist, auf die Bühne will, wo nur Männer in Frauenkleidern agieren.  Als Mann getarnt schmuggelt sie sich in Shakespeares Stück  „Romeo und Ethel, die Piratentochter“, das sich nach und nach in „Romeo und Julia“ verwandelt. Zusätzlich geht es um Konkurrenzkämpfe zwischen Autoren und Intendanten und um ein hübsches Verwechslungs-Chaos. Die Handlung bietet eine feinherbe Mischung aus Melodram und Parodie auf den eitlen Theaterbetrieb.

Bruinier macht daraus einen Knallbonbon-Shakespeare. Volker Thiele hat dafür das Rund des Globe-Theaters auf die Staatstheater-Bühne gebaut. Es wartet, anders als zu Shakespeares Zeiten, mit papageiengelben Vorhängen vor Logen auf, die sich für  Einzelszenen öffnen oder den Blick auf die Liveband frei geben. Es  herrscht ein kruder optischer Mix unterschiedlicher Epochen und Milieus; mal wähnt man sich in einem Mafiosi-Film, dann wieder im Zirkus. Latin-Lover-Luden im Zottelpelz (Ali Berber) treffen auf Renaissance-Pfauen in türkisfarbenem Brokat (Gregor Trakis), der Hofmarschall (Thorsten Loeb) tritt als  Karl-Lagerfeld-Karikatur auf, und  die Amme (Verena Bukal) schwingt ein Mary-Poppins-Schirmchen. Die Kostüme (Elisabeth Vogetseder) darf man als ästhetische Beleidigung bezeichnen: Die Darsteller stecken in Puffhöschen, übergroßen Sportswear-Jacken oder Versace-Fummeln. Postkomödiantisches Theater? Der Wahnsinn hat Methode, wie sich an  der Musik zeigt, eigens für die Saarbrücker Fassung komponiert.  Achim Schneider entwickelte keinen markanten, spezifischen Sound. Man hört   Volksweisen, Abenteuerfilm-Musik, Disco-Beats und Chanson. Nur für Will-Darsteller Philipp Weigand, der als einer der wenigen im Ensemble großartig singen kann, schrieb Schneider zwei richtig gute, traurige Balladen. So kann  Weigand auch mal zeigen, dass er mehr drauf hat als den kindlich-trotzigen Shakespeare in Dauer-Rage. Weigand schenkt uns ach so rare gefühlsechte  Minuten.

Seiner Angebeteten (Anne Rieckhof) hingegen nimmt man das taffe Girl nicht ab, das „Poesie, Abenteuer und eine Liebe“ ansteuert, „die das Leben auf den Kopf stellt“. Auch Verena Bukal kann als Amme nicht punkten, gewinnt aber als Königin Elisabeth und „dea ex machina“, die den Theaterschwindel verzeiht, scharfkantige Autorität. Selbst ein Raimund Widra, sonst ein Garant für exquisite Komik, liefert als Hippie-Dichter Marlowe nur Standardware ab, und als Geldgeber Fennyman ballert er zunächst nur peinlich platte  Atze-Schröder-Nummern auf die Bretter. Am Ende jedoch agiert er als von sich selbst berauschter Mitspieler in Shakespeares Truppe  at its best – ein komödiantisches Praliné! Nur ein einziger im Ensemble kann für sich beanspruchen, durchweg den richtigen Ton getroffen zu haben, auch gesanglich: Thorsten Köhler. Seine schmierige Theaterimpresario-Type Henslowe changiert vortrefflich zwischen Großmannssucht und Servilität. Und irgendwie schaffen es dann alle miteinander doch noch bis zum „Mysterium“: Das Ensemble lässt uns irgendwie vergessen, dass die Regisseurin diesmal als Petitessen-Händlerin unterwegs war.

Nächste Termine: heute, 9., 15., und 17. Februar. Karten und Informationen:
Tel. (06 81) 309 24 86.

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