Pop, Pose und Pathos

Saarbrücken · An kaum einem Musiker hierzulande scheiden sich die Geister so sehr wie an der Kunstfigur Der Graf und seinem Musikprojekt Unheilig. In seiner Reihe „Deutschland, Deine Künstler“ geht die ARD dem Phänomen nach. Der Film wird am Sonntag um 23.35 Uhr ausgestrahlt.

 Der Graf in Siegerpose auf der Bühne. Foto: WDR

Der Graf in Siegerpose auf der Bühne. Foto: WDR

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Was ist das nun? Große Musik mit großen Emotionen? Oder Kitsch mit Pathos-Posen und Schwulst-Lyrik? Die Kunstfigur "Der Graf" mit dem Bandprojekt Unheilig polarisiert wie kaum ein anderer deutscher Musiker . Hits wie "Geboren um zu leben" entlocken manchem Tränen der Rührung, manch anderem Tränen vor Bauchschmerzen.

In ihrer Doku-Reihe "Deutschland, Deine Künstler", die das ziemlich weite Feld zwischen Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Punk-Veteran Campino beackert, will die ARD diesem Phänomen auf die Spur kommen. Autor Lothar Schröder erzählt die Biografie des Grafen, der seinen bürgerlichen Namen nicht verrät und seine Familie komplett aus der Presse heraushält: Als Kind leidet er unter seinem Stottern , findet in der Musik eine willkommene Ausdrucksform und nimmt im Schlafzimmer als "The Graf" ein englischsprachiges Album auf, das Interesse bei einer Plattenfirma weckt . Nach dem Karrierebeginn mit der schwarzgewandeten Gothic-Szene als Zielpublikum landet er schließlich im Mainstream und verkauft vom Album "Große Freiheit" unglaubliche 1,7 Millionen Exemplare.

Diese Karriere illustriert der Film routiniert mit Konzertszenen, Interviewschnipseln und Blicken hinter die Kulissen. Dazu spricht ein Kommentator markige Sätze aus dem Klischee-Baukasten: "Er hat immer seinen Weg gesucht." "Jede freie Sekunde für die Musik." "Er lebt die Musik." Unterhaltsam ist das dennoch, weil der Graf durchaus für sich einnimmt: Mit dem Gefühl der Unsicherheit und dem Wunsch nach Anerkennung - "auf der Bühne war ich wertvoll" sagt er - kann sich wohl jeder identifizieren. Doch insgesamt ist diese Reportage zu glatt; die Plattenfirma könnte sie auch als DVD verkaufen, ohne Fans zu irritieren. Als der Graf seinem Team den anscheinend überraschenden Entschluss mitteilt, seine Karriere nach dem nächsten Album zu beenden, ist die Filmproduktion gleich mit zwei Kameras dabei. Reporterglück? Wohl eher PR-Inszenierung von Künstler und Plattenfirma. Wie Letztere nun auf den Abgang ihres Goldesels reagiert, hätte man gerne erfahren. Doch man hört eher Standardfloskeln, von Helene Fischer etwa die, dass der Graf sich nie hat "verbiegen lassen". Die Tatsache, dass Teile der Gothic-Szene ihm vorwerfen, sich musikalisch verkauft zu haben, klingt nur ganz kurz an.

Sehenswert sind die Passagen, in denen der Musiker bei den vielen Interviews, die er nach dem großen Durchbruch absolvieren muss, mit dem Stottern ringt und sich professionelle Hilfe im Umgang mit Medien sucht. Dass er diesen Umgang mittlerweile bestens beherrscht, zeigt die Reportage unfreiwillig: Er setzt sich geschickt in Szene, und man hat nicht das Gefühl, der Person wirklich nahe zu kommen.

Sonntag, 23.35 Uhr, ARD

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