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Pianistin Olga Scheps spielt Scooter-Hits auf Steinway

Scooter in Völklingen : „Deb, deb, deb . . .“: Scooter mal klassisch

Am Freitag heizen Scooter in Völklingen ein. Dass die Techno-Veteranen auch was für Klassikfreunde sein können, wissen wir erst dank Top-Pianistin Olga Scheps.

Man kann sich bei diesen Videobildern der Rührung kaum erwehren: H. P. Baxxter hat sich fein gemacht. Dunkelgrünes Samtsakko, schwarzes Hemd, so hockt er brav wie ein Klavierschüler am Flügelende von Olga Scheps und lauscht. „So schön“, haucht er ehrfürchtig, als der letzte Ton zart verfliegt. Sonst ist derartige Leisetreterei nicht sein Ding. Da packt der notorisch wasserstoffblondierte Frontmann von Scooter, die am Freitag, vor dem „Electro Magnetic“-Festival, schon mal die Völklinger Hütte anheizen, grundsätzlich noch Dezibel im Dutzend drauf. Shoutet „Hyper, Hyper“ ins tobende Dancefloor-Volk. Dazu macht’s bum, bum, bum, bum. Hauptsache laut.

Scooter war lange in etwa so beliebt wie die Scorpions oder Pur. Mega-erfolgreich, die nordeutsche Band zählt zu den absoluten Top-Sellern; man schätzt sie auf 30 Millionen verkaufte Tonträger. Feuilletonisten aber packten sie gar nicht an. Mit Scooter aber ist es wie mit allen, die lange genug durchhalten. Erst werden sie Kult und dann sogar zum Klassiker. Dieser Punkt war für Friesenjung Baxxter, als Hans Peter Geerdes 1964 in Leer geboren, und seine über die Jahre wechselnden Mitmannen vor ein paar Monaten erreicht, als Olga Scheps, eine Pianistin von Weltrang, zum Silberjubiläum der Band allen Ernstes elf Scooter-Songs einspielte – solo am edelholzfurnierten Steinway.

Schweißdampfende Dancefloor-Mucke schnurrt so zum intimen Klavierabend zusammen. Sven Helbig, Mitbegründer der Dresdner Sinfoniker, hat die Titel arrangiert. Und „100 Prozent Scooter – piano only“ ist ein Album, bei dem man erstmal seine Ohren nicht traut. Die Hits der Techno-Veteranen zeichnen sich, wohlwollend formuliert, durch Eingängigkeit aus, alles sofort mitsingbar. Ihr Wesenskern sind Beats und Mitgrölrefrains. Doch Helbig hat daraus mit dem feinen Handwerkszeug des Arrangeurs noble Kammermusik ziseliert. Die schlichten Tonfolgen bricht er auf, spielt mit ihnen.

Einst war es hohe Virtuosenkunst, auch einfache Themen elegant aufzufächern. Mozartsche Arabesken, Bachsche Klarheit, Chopins Melancholie: Helbig orientiert sich nur an den größten Meistern, wenn er Titel wie „How much is the fisch?“ und „Maria (I like it loud)“, das vertonte Scooter-Credo, wohltönend fürs Pianoforte setzt. Ein bisschen Parodie ist das wohl auch. Aber unter Scheps Händen wandelt sich „Deb, deb, deb, da, da, deb, deb, deb“ im Bachschen Geiste zur Kunst der Dancefloor-Fuge. Das Schlichte wird geadelt. Wohl denkt man da auch an Jacques Loussier, der das Spiel von der anderen Seite betrieb, die Noten des Thomaskantors zum Swingen brachte. Tatsächlich klingt’s nun bei Scheps, eine der führenden Chopin-Interpretinnen weltweit, als sei Scooter schon immer  für den klassischen Konzertsaal gemacht gewesen.

Was sicher nicht schadete: Die Moskauerin, die, seit sie sechs ist, in Deutschland lebt, hat ein ganz natürliches Verhältnis zu Scooter. Sie sei quasi mit deren Musik aufgewachsen, bekundete die 32-Jährige bei der Vorstellung des Albums, „auf jeder Party lief ein Scooter-Song“. Keine Berührungsängste von Seiten der Klassikerin also. Eher schon bei H.P. Baxxter. Der gar nicht fassen konnte, dass die Pianistin das alles ohne Notenblatt spielt. Wie auch immer: Mit diesem Album ist Scooter nun tatsächlich ein Klassiker. Vielleicht hört man das ja auch am Freitagabend in Völklingen irgendwie: 100 Prozent Scooter ist es auf jeden Fall.

Olga Scheps: 100 Prozent Scooter –
piano only (Kontor Records).
Scooter im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, Freitag, 18 Uhr.