Ohnmächtig? Wegen Sartre?

Ohnmächtig? Wegen Sartre?

Schwarze Rollis und ein scheuklappenfreier Blick auf die Welt – der britischen Autorin Sarah Bakewell gelingt mit „Das Café der Existenzialisten“ eine fulminante Gesamtschau der philosophischen Bewegung.

Dass er eine Berühmtheit geworden war, erkannte Jean-Paul Sartre spätestens am 28. Oktober 1945, als der 40-Jährige einen Vortrag im Pariser Club Maintenant hielt. Der Saal war hoffnungslos überfüllt, Stühle gingen zu Bruch. Im "Time Magazine" erschien ein Foto, untertitelt mit: "Der Philosoph Sartre. Frauen sanken in Ohnmacht."

Würde heute noch jemand wegen eines Philosophen ohnmächtig werden? Wohl kaum. Im Nachkriegseuropa - von kollektivistischen Ideologien verwüstet und orientierungslos zurückgelassen - wurde der Existenzialismus so populär und zum Lebensgefühl einer Generation, wie es heute nur noch schwer vorstellbar ist.

Bis jetzt jedenfalls. Denn eine von Sarah Bakewell vorgelegte fulminante Gesamtschau lässt diese Bewegung, die die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen entdeckte, wiederauferstehen und dabei nichts aus: nicht Sartres Horror vor allem Klebrigen, nicht Albert Camus‘ Trost unter der Mittelmeersonne, nicht die Kleidungsstile in den Pariser Clubs. Wer hätte gedacht, dass dort vor dem schwarzen Rolli ausgerechnet karierte Holzfällerhemden hip waren?

Bakewells Gabe, selbst die anspruchsvollsten Philosopheme verständlich zu machen, macht die Lektüre zu einem Vergnügen. So kenntnisreich wie leichtfüßig erzählt die englische Autorin von den Ideen und Vertretern des Existenzialismus, dessen Ursprünge sie in der Phänomenologie Edmund Husserls verortet. Weil dessen Beschreibungsmethode, 1933 von Sartre von Berlin nach Paris importiert, allein auf die konkreten Dinge blickt, befreie sie "uns von politischen und ideologischen Scheuklappen" und besitze "ein überraschend revolutionäres Potenzial".

Sartre ist hier, mit seiner Lebens- und Denkgefährtin Simone de Beauvoir im Schlepptau, eine Hauptfigur (neben zahllosen Nebenfiguren wie Karl Jaspers, Gabriel Marcel, Simone Weil und Edith Stein). Die andere ist Martin Heidegger, der meist in einen Schwarzwälder Bauernrock gekleidete, in einem Kauderwelsch raunende "Zauberer von Meßkirch", dessen Popularität zu Lebzeiten heute sogar noch erstaunlicher anmutet als die Sartres.

Wenig überraschend fragt Bakewell dabei vor allem nach Heideggers Nähe zum Nationalsozialismus Schließlich hätte "der brillanteste und meistgehasste Philosoph des zwanzigsten Jahrhunderts" (Bakewell) mit seinen warnenden Reflexionen über die Herrschaft des unpersönlichen "Man" in Sein und Zeit eigentlich vor Hitler gefeit sein müssen. Statt dessen erklärte Heidegger, der sich von den Nazis zum Rektor der Universität Heidelberg ernennen ließ, seinem entsetzten Freund Jaspers auf die Frage, wie ein so ungebildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren könne: "Bildung ist ganz gleichgültig.

Sehen Sie sich seine wunderbaren Hände an!"

Wenn es nicht vor Ideologien schützen konnte, ist das existenzialistische Philosophieren also erledigt? Wissen wir nicht längst von den fröhlichen Denkern der Postmoderne, wie lächerlich und pathetisch Vorstellungen wie "Authentizität", "Freiheit" und "Verantwortung" sind? Oder sind diese Fragen im Zeitalter von Facebook, NSA und Flüchtlingskrise nicht aktueller denn je? Bakewell hat dazu eine klare Meinung: "Wenn man liest, was Sartre über Freiheit, Beauvoir über die subtilen Mechanismen der Unterdrückung, Kierkegaard über Angst, Albert Camus über die Revolte und Heidegger über Technik zu sagen haben, beschleicht einen oft das Gefühl, die neuesten Nachrichten zu lesen." So ist es.

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails. Aus dem Englischen von Rita Seuß. C.H. Beck, 448 Seiten, 24,95 Euro.