Ob Weihnachtslieder heute gesungen werden, hat mit christlichen sowie Hausmusik-Traditionen zu tun

Weihnachtslieder : Warum „Stille Nacht“ seit 200 Jahren ein Klassiker ist

Das Singen von Weihnachtsliedern kommt heute auch ohne christlichen Hintergrund aus – kleine Liedkunde für Gottesdienste.

(epd/dpa) An Weihnachten in die Kirche, das gehört für viele immer noch zur Tradition. Doch viele Gottesdienstbesucher kennen sich nicht mehr mit dem traditionellen christlichen Liedgut aus. „Die Entkirchlichung der Gesellschaft geht auch damit einher, dass kirchliche Themen und Lieder nicht mehr so in der Gesellschaft präsent sind wie früher“, sagt Christoph Bogon, Präsident des Verbands Evangelischer Kirchenmusiker(innen). Lieder wie „Ich steh an deiner Krippen hier“, „Herbei, o ihr Gläub‘gen“ und „Tochter Zion“ sind oft in Weihnachtsgottesdiensten zu hören. Aber viele kennen Text und Melodie nicht.

Dabei können in der Vorweihnachtszeit Musikveranstaltungen ganze Stadien füllen. In Düsseldorf etwa sangen am Tag vor Heiligabend Tausende gemeinsam „O Tannenbaum“. Die Nachfrage nach Chorkonzerten, Singnachmittagen und Oratorien in Kirchengemeinden ist groß. „Wir erreichen Menschen, die vom normalen Sonntagsangebot nicht mehr erreicht werden“, sagt Bogon. Viele Advents- und Weihnachtslieder sind dennoch zuverlässige Helfer, um sich jedes Jahr aufs Neue in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Bei einigen christlichen Liedern verwischt die Grenze zwischen Kirchen- und Volkslied: etwa bei „Stille Nacht, heilige Nacht“, „O du fröhliche“ oder „Maria durch ein Dornwald ging“. Sie sind beliebt, weil sie ein Gefühl ansprechen. „,Stille Nacht’ und ,O du fröhliche’ gehören heute zu den beliebtesten Weihnachtsliedern, stehen aber erst seit 1993 im Liedteil des Evangelischen Gesangbuchs“, sagt Christian Finke, Präsident des Chorverbands in der Evangelischen Kirche. „Vorher standen sie teilweise nur im Textteil und waren mit dem Zusatz ,für den Gottesdienstgebrauch ungeeignet’ versehen.“ In der evangelischen Kirche galt „Stille Nacht, heilige Nacht“, das vor 200 Jahren am 24. Dezember 1818 erstmals in Oberndorf (Salzburg) erklang, lange als zu volkstümlich, obwohl es von einem Priester gedichtet wurde. „Heute ist es in der ganzen Welt ein Renner“, sagt Kirchenmusiker Bogon. Was nicht zuletzt daran liegt, dass es dieses spezifisch deutsche Weihnachtsgefühl transportiert. Winter, Tannen und eben die Musik – sie machen das Weihnachtsgefühl aus. Das Jesuskind in der Krippe gehört selbst für Nicht-Christen noch zu Weihnachten dazu.

Umgekehrt sind auch Weihnachtslieder ohne eigentlichen christlichen Inhalt Klassiker in Kindergärten und bei Seniorennachmittagen. Lieder wie „Alle Jahre wieder“, „Süßer die Glocken nie klingen“, „Kling Glöckchen“, „O Tannenbaum“ und „Leise rieselt der Schnee“. „Diese Lieder sprechen weniger vom Evangelium als von der Gefühlsseligkeit der Weihnachtszeit“, sagt Finke. Heute komme es auch darauf an, welche Lieder in Schulen und Zuhause gelernt werden. „Wenn Familien weniger christliche Weihnachtslieder singen, kennen die Kinder das auch weniger und singen ,Last christmas’ oder ,Rudolph the red-nosed reindeer’.“ Auch deswegen ist so etwas wie ein Kanon christlicher Weihnachtslieder heute hilfreich. Auf der Liste evangelischer Kernlieder für den Gottesdienst, die die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) und die Union Evangelischer Kirchen (UEK) kuratierten, stehen allerdings nur drei Advents- und Weihnachtslieder: „Macht hoch die Tür“, „Vom Himmel hoch“ und „O du fröhliche“.

Finke macht auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam: „Emotionalität wurde jahrhundertelang aus dem Gottesdienst herausgehalten. Das Dogmatische, das Rationale stand im Vordergrund, das Herz war eher außen vor.“ Doch nicht zuletzt die emotionale Ansprache, das Gefühl des Vertrauten, Rührung und Freude ziehen Menschen in den Weihnachtsgottesdienst. Ob und wieviel in Familien heute noch gesungen werde, sieht der Freiburger Liedforscher Eckhard John in engem Zusammenhang mit der Frage, wieviel Hausmusik noch praktiziert werde.  Vermutlich würden deutlich weniger Weihnachtslieder gesungen „als früher, weil heute insgesamt weniger Hausmusik gemacht wird“.

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