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Noch ist Forbach nicht verloren

Noch ist Forbach nicht verloren

Der Regisseur Régis Sauder hat einen Film über seine alte Heimat Forbach gedreht, der ihr nicht schmeichelt.

2014, als der Front National bei den Kommunalwahlen in Forbach Rekordwerte erzielte, da rückten von überall Reporter an. Die Kleinstadt an der Grenze, für die sich bis dahin niemand interessiert hatte, sah sich auf einmal vor aller Welt als rechte Hochburg stigmatisiert. Auch der in Marseille lebende Dokumentarfilmer Régis Sauder machte sich damals mit der Kamera auf den Weg, um zu ergründen: Wie konnte es nur so weit kommen?

Sauder trieb noch ein weiteres Motiv an: Er wollte sein persönliches Verhältnis mit Forbach klären. Aus der Kleinstadt, in der er als Sohn eines Grundschullehrers geboren wurde und sich dort beengt fühlte, floh er gleich nach dem Abi. Über drei Jahre lang kehrte der verlorene Sohn nun regelmäßig zurück: Um sein Elternhaus, seine Schule, die Orte seiner Kindheit zu besichtigen, sich unangenehmen Erinnerungen zu stellen und zu schauen, was aus seinen Schulfreunden von damals geworden ist, aus den Forbachern der ganzen Stadt.

"Retour à Forbach", also "Rückkehr nach Forbach", heißt das Ergebnis: ein etwas über einstündiger Film, der am Sonntag als Vorpremiere im Forbacher Cinéma Le Paris läuft, bevor er am 19. April offiziell in den französischen Kinos startet. Sauders dritter Langfilm schmeichelt Forbach nicht. In ruhigen, suggestiven Bildern zeigt er die Stadt von ihren düsteren Seiten: leerstehende Läden in Serie, menschenleere Plätze und Straßen, alte Bergarbeiterhäuser, die, durchs Teleobjektiv zusammengestaucht, noch beklemmender wirken. Kirchtürme samt Jesus-Statuen und Fördertürme, die sich in Nahaufnahme bedrohlich wie Fanale gegen den Himmel stellen, und wolkig-heiter bemalte Sozialwohnungs-Türme, zwischen denen ein paar Männer in Djellabas spazieren.

Meist aus dem Off lässt Sauder dazu Forbacher erzählen: den ehemaligen Bergmann von den guten alten Zeiten, als man noch gemeinsam in die Grube einfuhr; und davon, wie sich, als sie dicht machten, das Misstrauen gegen Migranten in die Herzen nistete. Der Gedanke, dass sie den eigenen Kindern womöglich die Arbeit wegnähmen. Viele hätten Angst vor der unbekannten Religion; auch wenn nicht täglich ein Papierkorb explodiere, sähe man doch täglich "Monsieur Barbu" und Madame Voilée", also traditionell gekleidete Muslime, sagt eine Frau. Eine Muslima gesteht, sie meide die Moschee, weil sie nicht wisse, neben wem sie bete.

Alle suchen und finden Erklärungen, die man irgendwie schon kennt, die persönlich vorgetragen aber berühren. War früher alles so viel besser? Man hört auch von der totalen Sozialfürsorge der Grubengesellschaft von der Wiege bis zur Bahre, die die Menschen unselbständig machte und die Mentalität bis heute prägt. Von der Armut als italienisches Einwandererkind, für die sich eine Schulfreundin, die es zur Schuldirektorin gebracht hat, damals schämte.

Nicht zufällig erinnert der Titel des Films an Didier Eribons auch in Deutschland gefeiertes Buch "Rückkehr nach Reims", ein Zwitter aus Autobiografie und soziologischer Studie. Von Eribon, inzwischen ein Freund, und seinem Buch habe er viele Anregungen erhalten und sieht sich mit ihm auf einer Linie, sagt Sauder. Wie Eribon empfand er "Herkunftsscham" für sein kleinbürgerliches Milieu. Er sucht und findet diese soziale Scham im Film auch bei anderen, die Jüngern beziehen sie sogar auf ganz Forbach als Herkunftsstadt. Mit Eribons Kategorien wie Scham, sozialer Determinismus und strukturelle Gewalt will Sauder seinen Erkundungen eine politische Dimension geben. Die Crux dabei: So sieht man alle nur als Opfer (der Verhältnisse) und sie sich auch selbst. Eine trockene soziologische Studie ist Sauders Film gleichwohl nicht, eher melancholisch, die Aussagen der Beteiligten lässt Sauder oft wirken wie Poesie.

Interessant sind seine Beobachtungen zum Umgang der Forbacher mit ihrer Geschichte. Würden sie nicht die eigenen Verstrickungen in den Nationalsozialismus so verdrängen, wären sie vielleicht weniger anfällig für die neuen französischen Nationalisten, kann man aus dem Film herauslesen. Doch Sauder, der sich mit der Stadt, die ihn prägte, versöhnt hat, wie er sagt, sieht sie nicht ohne Hoffnung. Wohl weniger wegen der Jugendlichen, die am Ende des Films im Siegestaumel über ein gewonnenes Europameisterschaftsspiel durch die Stadt chauffieren. Eher wohl wegen Menschen wie den zwei Lehrerinnen, die Migrantenfrauen Alphabetisierungskurse geben oder sich privat um Flüchtlingsfamilien kümmern.

Oder den Kindergarten-Kindern, die mit Inbrunst erklären: "Ich liebe alles in Forbach." In seinem Elternhaus, das Sauder am Ende verkauft, winkt ein kleiner Migrantenjunge freundlich durchs Fenster. Noch ist Forbach nicht verloren.

 Mit der Heimat durch seinen Film versöhnt: Régis Sauder.
Mit der Heimat durch seinen Film versöhnt: Régis Sauder.

Vorpremiere: Sonntag, 18 Uhr, im Cinéma Le Paris, Forbach. Das Kino Achteinhalb bemüht sich, den Film nach Saarbrücken zu holen.