Sisters auf Platz 24: Niederlande gewinnen ESC - Madonna enttäuscht

Sisters auf Platz 24 : Niederlande gewinnen ESC - Madonna enttäuscht

Es ist ein Abend der knalligen und extravaganten Auftritte. Doch am Ende siegt beim Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv ein getragener Titel mit eher schlichtem Bühnendesign.

Der 25-jährige Duncan Laurence singt vor rund 200 Millionen Zuschauern weltweit allein am Klavier die melancholische Ballade „Arcade“. Sie erzählt von der Sehnsucht nach einer verlorenen Liebe. Das deutsche Duo S!sters kommt mit „Sister“ auf den drittletzten Platz - mit enttäuschenden null Punkten von den Zuschauern. Und US-Megastar Madonna ist erstmals beim ESC dabei - mit einer sehr düsteren Show.

Der sympathische Niederländer ist sichtbar überwältigt von seinem Sieg, obwohl er schon seit Wochen als Favorit gehandelt worden war. Der bärtige junge Mann hebt die Trophäe, ein gläsernes Mikrofon, hoch über seinen Kopf und ruft: „Dies ist großen Träumen gewidmet - und der Musik, die immer zuerst kommt!“ Zuletzt hatte sein Land 1975 den Titel erobert, in diesem Jahr schafft Holland es zum insgesamt fünften Mal. Italien wird Zweiter, Russland Dritter.

Die Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollen in Tel Aviv sind am Samstagabend aus Sorge vor Anschlägen besonders streng, zahlreiche Polizisten sind auf dem Expo-Gelände im Norden der Stadt im Einsatz.

In der riesigen Halle reagiert das Publikum immer wieder mit begeistertem Jubel auf die spektakulären Bühnenshows mit dramatischen Feuer- und Lichteffekten.

Für einige Zuschauer verstörend ist dann der Auftritt der Isländer in Sado-Maso-Fetisch-Kostümen. Island nutzt die Show auch für eine politische Botschaft: Bei der Verkündung der Zuschauerstimmen zeigen sie demonstrativ Banner in den Farben der palästinensischen Flagge mit der Aufschrift „Palestine“ (Palästina).

Auch Madonnas Auftritt ist politisch, obwohl dies eigentlich den Vorschriften des ESC widerspricht. Auf den Rücken von Tänzern sind die israelische und die palästinensische Flagge zu sehen - offenbar ein Plädoyer für eine friedliche Lösung des seit Jahrzehnten dauernden Konflikts beider Seiten.

Madonnas neuer Song „Future“, den sie in Tel Aviv als Weltpremiere aufführt, beschwört eine düstere Zukunft mit zerstörten Städten. „Wake up“, steht am Ende an der Wand: Wacht auf.

Die 60-Jährige kann ihn auf dieser Bühne einem weltweiten Millionenpublikum präsentieren. Und die Europäische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter muss nicht bezahlen für den mehr als eine Million Euro teuren Auftritt der Pop-Königin. Denn die Kosten hat der israelisch-kanadische Geschäftsmann Sylvan Adams übernommen. „Ein Gewinn für alle Beteiligten“, sagt ein EBU-Sprecher lächelnd. Doch beim Publikum sorgt der Auftritt der Amerikanerin, die eine Augenklappe trägt, nicht für die erwartete Begeisterung.

In Madonnas anderem Song, dem 1989 erschienenen Hit „Like A Prayer“, geht es um religiöse Inhalte. Das Video hatte vor 30 Jahren wegen brennender Kreuze und sexuell aufgeladener Szenen einen Skandal ausgelöst.

Der Popstar wurde als Katholikin erzogen, ist aber auch der jüdischen Kabbala stark verbunden. Sie ist bekannt für ihre Zuneigung zu Israel, Aufrufe der Boykottbewegung BDS ignoriert sie konsequent. 2004 nahm die Queen of Pop den Namen „Esther“ an und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der jüdisch-mystischen Lehre der Kabbala.

Zu dem emotionalsten Momenten des diesjährigen ESC gehört wohl der Auftritt des israelischen Kandidaten Kobi Marimi, der nach seinem Song „Home“ vor Rührung in Tränen ausbricht. Letztlich landet er nur knapp vor Deutschland, auf dem viertletzten Platz.

Die Vorjahressiegerin Netta Barzilai (26) präsentiert in einem quietschgelben Kostüm ihren neuen Song „Nana Banana“ - darin geht es darum, wie sie sich dem großen Erfolgsdruck widersetzt und einen inneren Ruhepunkt findet.

Länder wie Spanien und Dänemark treten mit eingängigen Gute-Laune-Songs an. In anderen Liedern geht es dagegen um ernsthafte Themen: Die australische Sängerin verarbeitet in „Zero Gravity“ ihre persönliche Erfahrung einer Wochenbettdepression. Ihre Performance als eine Art Eisprinzessin auf einer schwankenden Stange in mehreren Metern Höhe gehört zu den atemberaubenden Momenten des Abends.

Wie Netta Barzilais „Toy“ ist der französische Act erneut eine Hommage an Menschen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und trotzdem ihre Träume verwirklichen. Der schwule Sänger tritt gemeinsam mit einer übergewichtigen Tänzerin auf.

Der offen bisexuelle ESC-Sieger Laurence Duncan plädiert ebenfalls dafür, andere anzunehmen. „Das Wichtigste ist, dass man sich selbst treu ist“, sagt er nach seiner Auszeichnung. „Bleib dem treu, was du liebst, auch wenn du eine andere Sexualität hast“, sagt der junge Mann. „Akzeptiert Menschen und liebt euch gegenseitig für das, was ihr seid, anstatt zu urteilen.“

Eurovision Song Contest

Informationen zum Finale

Duncan Laurence bekommt von Vorjahressiegerin Netta Barzilai die Siegestrophäe überreicht. Foto: Ilia Yefimovich.
Duncan Laurence singt zum Abschluss noch einmal seinen Siegertitel „Arcade“. Foto: Sebastian Scheiner/AP.
Duncan Laurence aus den Niederlanden war der absolute Top-Favorit - und hat gewonnen. Foto: Ilia Yefimovich.
Für die S!sters bleibt am Ende nur der 24. Platz. Foto: Ilia Yefimovich.
Mahmood aus Italien landete auf dem zweiten Platz. Foto: Ilia Yefimovich.
Sergey Lazarev aus Russland gehörte mit zu den Favoriten. Er wurde schließlich Dritter. Foto: Ilia Yefimovich.
Die ESC-Gewinnerinnen Dana International (l) und Netta eröffneten das Finale. Foto: Ilia Yefimovich.
Tamara Todevska aus Nordmazedonien lag lange Zeit in Führung. Am Ende sprang ein 8. Platz heraus. Foto: Ilia Yefimovich.
Die isländische Band Hatari sorgte für den schrillsten Auftritt - und erhielt später Buhrufe. Foto: Ilia Yefimovich.
Luca Hänni sichert der Schweiz den 4. Platz. Foto: Sebastian Scheiner/AP.
Sie hebelte die Schwerkraft aus: Kate Miller-Heidke aus Australien landete auf einem respektablen 9. Platz. Foto: Ilia Yefimovich.
Barbara Schöneberger im extravaganten Outfit beim Public Viewing in Hamburg. Die Moderatorin gab auch die deutschen Jury-Punkte bekannt. Foto: Daniel Bockwoldt.
KEiiNO aus Norwegen sind auf dem fünften Platz gelandet. Tom Hugo (l) lebt übrigens mit seinem Mann in Berlin. Foto: Ilia Yefimovich.
Duncan Laurence schreit seine Freude heraus. Foto: Sebastian Scheiner/AP.

Like A Prayer

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