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Interview mit Künstlerin Parastou Forouhar: „Nichts ist so totalitär wie ein Ornament“

Interview mit Künstlerin Parastou Forouhar : „Nichts ist so totalitär wie ein Ornament“

Die im Iran geborene Künstlerin Parastou Forouhar beschäftigt sich in der Saarbrücker Stadtgalerie mit dem Mullah-Regime in ihrer Heimat.

Die Stadtgalerie in Saarbrücken zeigt derzeit Werke und Installationen der in Teheran geborenen Künstlerin Parastou Forouhar (57), die sich mittlerweile international einen Namen gemacht hat. Seit diesem Semester lehrt sie zudem als Professorin für Bildende Kunst an der Kunsthochschule in Mainz. In ihren Arbeiten verbindet sie die Schönheit der orientalischen Ornamentik mit systemkritischen Inhalten, die sich immer wieder in drastischen Abbildungen von Folterszenen auf die Gewaltherrschaft des Mullah-Regimes ihres Heimatlandes Iran beziehen. 1998 wurden dort Forouhars Eltern, prominente Oppositionelle, vom Geheimdienst brutal ermordet. Dieses traumatische Ereignis spiegelt sich ebenfalls in ihrem Werk – ebenso wie das Bild der Frau in muslimischen Gesellschaften. Jedes Jahr kehrt Parastou Forouhar, die seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland lebt, in den Iran zurück, um mit Freunden und Unterstützern ihrer ermordeten Eltern Parvaneh und Dariush Forouhar zu gedenken. Immer wieder hat das Regime sie deshalb drangsaliert, angeklagt, bedroht. Auch in diesem Jahr reiste sie nach Teheran – just zu dem Zeitpunkt als Anfang November dort erstmals so viele Menschen aus Protest gegen die Verdreifachung der Benzinpreise und die seit dem US-Embargo explodierenden Lebenshaltungskosten auf die Straße gingen, dass die Regierung eine Nachrichtensperre verhängte. Wir sprachen mit der vergangene Woche (26.11.) aus dem Iran zurückgekehrten Künstlerin und Aktivistin nicht nur über ihre Kunst, sondern auch über die brisante politische Situation in ihrem Geburtsland.

Sie sind gerade aus dem Iran zurückgekehrt, haben dort Ihrer ermordeten Eltern gedacht...

FOROUHAR Es war der 21. Jahrestag der Ermordung meiner Eltern. Als ich hier in der Stadtgalerie die Dokumentation (hunderte Schriftstücke, Gerichtsakten und Dokumente zu dem Attentat, Anm. d. Red.) über den Tod meiner Eltern nach langer Zeit wieder selbst aufgebaut und die Kartons aufgemacht habe, hat mich die Fülle dieses Material erschlagen. Ich muss immer wieder über meine Arbeit nachdenken, bevor sie zu einem Klischee von Widerstand wird. Politik ist auch nicht klischeehaft, man muss sie wie die Kunst immer wieder in die Gegenwart holen, ihre Relevanz immer wieder neu definieren.

Der Iran ist im Ausnahmezustand, ihre Arbeiten sind also gerade jetzt wieder brandaktuell. Wie haben Sie die Situation empfunden?

FOROUHAR Das Land ist in einem absoluten Krisenzustand. Die Menschen versinken in Hoffnungslosigkeit und Wut. Ihre wirtschaftliche Lage wird immer schlimmer. Die Regierung lässt nicht ab von ihrer zerstörerischen Politik, weder in der Region, noch im Land.

Das Regime wankt also nicht durch die Massenproteste und das US-Embargo?

FOROUHAR Zurzeit nicht. 7000 Menschen wurden nach offiziellen Zahlen verhaftet, über 350 Tote sind bis jetzt bekannt. Die wirkliche Zahl ist noch nicht bekannt. Die Menschen versuchen es mit Aufopferung, aber das Regime schlägt brutal zurück. Die Sanktionen schwächen die Zivilbevölkerung, so dass sie noch weniger Kraft hat, sich zu wehren.

Wie ist die Erinnerungsfeier für Ihre Eltern in diesem Jahrverlaufen ?

FOROUHAR Jahrelang war die Feier in meinem Elternhaus verboten, seit zwei Jahren dürfen wir wieder zusammenkommen. Vor zwei Jahren kamen fast 600 Menschen.

Kommt auch die Jugend, die jetzt auf die Straße geht?

FOROUHAR Ja, auch junge Leute, die meine Eltern nicht persönlich kannten. Sie nehmen die Feier zum Anlass, für die Demokratisierung des Landes zu protestieren. Dieses Jahr waren es weniger Teilnehmer. Die Entscheidung, zu einer solchen Veranstaltung während einer Nachrichtensperre zu gehen, ist schon mutig.

Wie tickt die iranische Jugend, vor allem in der Stadt?

FOROUHAR Ein großer Teil der Jugend im Iran ist sekulär. Egal aus welcher Schicht, die meisten wollen einfach ein normales Leben. Das totalitäre System des Landes bröckelt deshalb an vielen Stellen. Doch wenn das Regime in Bedrängnis kommt, schlägt es brutal zurück – wie jetzt.

Schlagen wir einen Bogen zur Kunst – wie geht die Teheraner Kunstszene mit der täglichen Unterdrückung um?

FOROUHAR Es gibt viele rote Linien. Die iranischen Kunst- und Kulturschaffenden versuchen sie milimeterweise zu verschieben. Viele verschließen die Augen, um eigene Projekte umsetzen zu können. Das ist oft nicht leicht zu durchschauen. Diese Art von Kompromissen frisst viel Potenzial.

Dass Sie selbst 2009 Ihre Installation „I surrender“ aus Luftballons, auf denen Folterszenen abgebildet sind, in Teheran zeigen konnten, ist vor diesem Hintergrund geradezu revolutionär...

FOROUHAR Es war damals der Moment der so genannten „grünen Bewegung“, als die Bevölkerung aufbegehrte. Man war risikobereiter, konnte diese Welle des Widerstandes nutzen. Es geht immer hin und her.

Sie haben gesagt „Nichts ist so totalitär wie ein Ornament“...

FOROUHAR Ich möchte es nicht reduzieren auf das Totalitäre. Wenn man aber damit experimentiert, merkt man, was für eine rigide Struktur das Ornament sein kann. 2006 wurde ich eingeladen zu einer großen Hannah Arendt-Ausstellung in Berlin. Dort habe ich das erste Mal die Luftballons gezeigt. Ich habe mich mit Arendts Schriften zum Totalitarismus auseinandergesetzt. Was mich faszinierte war, wie sie beschreibt, wie ein totalitäres System die Zwischenräume, die zwischenmenschlichen Beziehungen beherrscht. Das Ornament macht genau das: alle Zwischenräume werden beherrscht von den Gesetzmäßigkeiten einer ornamentalen Struktur. Alles, was eine andere Form hat, sieht aus wie ein Fehler, wie eine Laufmasche. Das religiöse System im Iran funktioniert auch so: Alles soll in eine enge Vorstellung des Göttlichen gepresst werden. Was nicht passt, wird als abartig abgestempelt und soll verschwinden.

Deshalb werden ja auch Frauen unter den gleichmachenden Tschador gezwungen...

FOROUHAR Ja. Das sind Polizeistaat-Methoden. Wobei aber die islamische Republik den öffentlichen Raum dadurch zugänglich gemacht hat für Frauen. Sie konnten sich trotz Verschleierungszwang emanzipieren, das ist das Paradoxe daran. Die Islamische Republik ist das säkularste Land im Nahen Osten, weil die Bevölkerungsmehrheit das Regime nicht stützt.

Ihre Tschador-Bilder sind rätselhaft und wunderschön. Sie spielen hier ästhetisch auch mit Freiheit und Verhüllung. Gibt es Freiheit unter dem Tschador, wie manche muslimische Feministinnen behaupten?

FOROUHAR Die Frage ist eigentlich zu politisch, um sie auf die Arbeit zu beziehen. Wenn Sie mich als Frau, die aus einem muslimischen Land stammt, fragen, sage ich: Die Bilder zeigen unterschiedliche Formen der Fremdheit. Ob sich unter dem Tuch ein Mann oder eine Frau verbirgt, sieht man nicht. Die Figur dringt als Fremde ein in einen leeren, barocken, auffällig westlichen, männerdominierten Amtsmann-Saal (Kloster St. Georgen in der Schweiz), versucht sich gegen diesen Raum zu behaupten. Der Raum ist schöner mit diesem fremden Wesen.

Der Tschador als Unterdrückungsinstrument ist also gar nicht ihr Thema?

Stadtgalerie-Leiterin Andrea Jahn erläutert Forouhars Luftballon-Installation „I surrender“. Foto: Esther Brenner
Augen, wohin man blickt. Figuren, die sich die Augen zuhalten. Die plakative, großdimensionierte Bildersprache der Installationen von Parastou Forouhar (hier in Saarbrücken) berührt und verstört. Foto: Sebastian Dingler

FOROUHAR Nein, in dieser Serie geht es mir überhaupt nicht darum. Es geht um das Theatralische, um das Spannungsfeld zwischen Zeigen und Verbergen. Man kann das auch außerhalb der Kopftuch-Debatte sehen. Jedes Phänomen hat Vielschichtigkeit. Die Bilder sollen Räume öffnen für Zweifel und Fragen.