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Neues Buch zu Kaufen und Konsum

Konsum : Wie das Kaufen die Welt verändert hat

Frank Trentmann blättert auf 1000 Seiten facettenreich die Geschichte des Konsums auf.

In Großbritannien besitzt jeder Erwachsene im Durchschnitt 100 Kleidungsstücke, von denen rund ein Viertel nie getragen wird. Jeder Deutsche nennt etwa 10 000 Gegenstände sein Eigen. Mit solch’ einprägsamen Beispielen steigt der Historiker Frank Trentmann in das Thema seines neuen Buches ein, das sich mit der „Herrschaft der Dinge“ beschäftigt und auf über 1000 Seiten die „Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute“ behandelt.

Allein dieser Zeithorizont macht schon deutlich, dass die ausgeprägte Kauflust  kein Phänomen der Gegenwart ist. Im Gegenteil: Allein in der Neuzeit gab es mindestens drei Konsumkulturen, wie Trentmann aufzeigt, die zeitlich nicht aufeinander folgten und sich aus verschiedenen Quellen speisten. Die eine hatte ihren Höhepunkt im China der späten Ming-Zeit (um 1520 bis 1644), die zweite in der italienischen Renaissance (15. Jahrhundert) und die dritte im Zuge der Kolonialisierung - vor allem vorangetrieben von den Briten und den Niederländern - im 17. und 18. Jahrhundert. Während der Ming-Zeit diente die Kleidung längst nicht mehr nur dazu, sich vor Kälte oder Hitze zu schützen. Es gab bereits „Hundert-Falten-Röcke“. Die neuen Handelsverbindungen der britischen und niederländischen Kolonialherren mit Kaufmanns-Gespür führten dazu, dass der Konsum vielfältiger wurde, dass Kaffee, Tee und Kakao Einzug bei Hof und in Bürgerhäusern hielt, die neuen Getränke aber schnell auch den „Geschmack von Dienern oder Handwerkern trafen“.

Natürlich bemühten sich Welt- und Religions-Erklärer schon früh darum, die Konsumlust immer breiterer Bevölkerungsschichten entweder zu geißeln oder als neu erworbene Freiheit zu preisen. Die Konsumkritiker konnten sich auf zahlreiche Autoritäten von Platon bis zu Karl Marx berufen, die davon überzeugt waren, dass mit der „Verlockung der Dinge“ Entmenschlichung, Versklavung und Korruption einher gingen. Für die klassischen Liberalen hingegen ist die Wahlfreiheit im Konsum die Grundlage von Demokratie und Wohlstand schlechthin.

Die Konsumkultur und ihre Begleitumstände lösten auch Revolten und Revolutionen aus. Zwar ging es in erster Linie um das hehre Ziel der Freiheit, als aufgebrachte Rebellen Tee in den Hafen von Boston warfen (Boston Tea Party 1733). Auf der anderen Seite hatten sich die Kolonisten Neuenglands in einer Zeit wachsenden Wohlstands an den Konsum von Tee und anderen Dingen gewöhnt. Als London für den Tee spürbar höhere Steuern festlegte und an diesem Vorhaben festhielt, kam der revolutionäre Stein ins Rollen. Am Ende war es die Geburtsstunde der USA. Doch nicht nur in westlichen Demokratien ist der Konsum zur Triebfeder geworden, sondern auch in Diktaturen und autoritär regierten Ländern. Ein herausragendes Beispiel ist die DDR, wo die westdeutsche Konsumgesellschaft den Bürgern stets als Vorbild diente. Als die Hoffnung starb, dass sich der Lebensstandard je angleichen würde, war damit auch das Ende des zweiten deutschen Staats besiegelt.

Dennoch gab es Entwicklungen des Konsums, die typisch für die kapitalistisch geprägten Staaten sind. Dazu gehören zum einen die riesigen Kaufhäuser, die in den Metropolen Europas und Nordamerikas entstanden - wie die Galeries Lafayette in Paris, Wertheim in Berlin oder Macy’s in New York. Diese Konsumtempel prägten mit der ihnen eigenen Architektur das Bild der Städte. Zum anderen fragten diese Staaten in immer größerem Maße selbst Konsumgüter nach, um sicherzustellen, dass auch die ärmeren Schichten sich Dinge leisten, die bisher nur den Betuchteren vorbehalten waren, oder dass sie ein Anrecht auf Wohnungen mit Heizung und fließendem Wasser erhielten. Der Konsum war damit auch Wegbereiter für den Sozialstaat moderner Prägung.

Frank Trentmann geht aber auch auf einige kapitalistische Kehrseiten des Konsums ein, beispielsweise das Schulden machen. Oder auch die Frage des Ressourcenverbrauchs: Ersticken wir irgendwann an unserem eigenen Konsum-Müll? Zudem wagt der Historiker einen Blick in die Zukunft und beleuchtet mit Verweis auf den Internet-Handel neue Konsum-Dimensionen. Doch selbst in einem solchen Epochal-Werk über die „Herrschaft der Dinge“ bleiben am Ende noch Fragen offen. Denn wie heißt es so schön: Handel ist Wandel.

Frank Trentmann: „Herrschaft der Dinge - Geschichte des Konsums“, DVA, 1095 Seiten., 40 €.