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Neuer Roman von Ulrich Woelk zum Sommer 1969

Mondlandung : Als Frauen noch unbekannte Planeten waren

Im Juli 1969 landete Apollo 11 auf dem Mond. Ulrich Woelks so luzider wie poetischer Roman schildert, wie vor 50 Jahren das Weltraumfieber auch die deutsche Provinz packt – und Menschen neue sexuelle Welten erkunden.

Der erste Satz trifft wie ein Keulenschlag. „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“ Ist damit nicht alles schon gesagt, das Ende vor dem Anfang gemacht? Gut möglich, dass Ulrich Woelk, promovierter Physiker und Autor, eine Geschichte vom Resultat her denkt, analytisch, nicht synthetisch erzählen will. Solche Vorwegnahme könnte wohl spannungstötend sein. In seinem jüngsten Roman, „Der Sommer meiner Mutter“, verästelt sich der Weg zum bitteren Schluss aber kunstvoll in einem mit feiner Ironie skizzierten Sittenbild bundesdeutschen Spät-60er-Alltags, zwar schon erschüttert durch die 68er-Proteste und bröckelnde Rollenbilder, noch aber gekittet von viel Fortschrittszuversicht. Andererseits steckt auch ein veritabler Initiations- und Entwicklungsroman darin: Für den zwölfjährigen Tobias wie für seine Mutter Eva wird dieser Sommer 1969 tief ins Leben einschneiden. Und, dass Woelk seinen Roman zur Monderoberung passgenau zum Jubiläum landet – Geschäftssinn gehört halt auch zum Dichterhandwerk.

Nicht aber das Kennedy-Space-Center, Startplatz der NASA-Raketen, macht Woelk, der sich seit 1995 ausschließlich aufs Schreiben konzentriert, zum Schauplatz, sondern den Stadtrand von Köln. Dort, wo das Urbane schon in Einfamilienhausbeschaulichkeit ausfranst. Besserverdiener leisten sich hier ihr kleines Paradies mit Doppelglasfenster-Doppelgaragen-Heimen. Beim Bauen gibt man sich modern. Aber, selbst wenn Hippies die freie Liebe leben und Studenten mit der US-Politik und der NS-Vergangenheit ihrer Eltern abrechnen, hinter den weißen Schleiflacktüren am Stadtrand ist die Welt ansonsten noch in alter Ordnung. Tobias’ Vater, ein Ingenieur, hätte Probleme, würde seine Frau auch arbeiten: Die Nachbarn könnten ja denken, er verdiene nicht genug.

In diesen scheinbar wohl gefügten Kosmos bricht die Mond-Eroberung wie ein Allez-Signal. Tobias kann’s kaum erwarten; das Modell einer Saturn-V-Rakete ist sein ganzer Stolz im Kinderzimmer, in dem, als der Sommer beginnt, noch nichts anderes Platz hat als seine Raumfahrtbegeisterung. Doch auch die Erwachsenen fiebern. Fernseher werden angeschafft. Tobias’ Onkel, ein Bauunternehmer und früherer Luftwaffen-Pilot, der zum Leidwesen seiner oft angeheiterten Gattin Mechthild gern mit Kriegs-Histörchen prahlt, leistet sich sogar ein Color-Gerät. Klar, dass man die Mondlandung am 21. Juli 1969 dort schauen will.

Doch wenig kommt dann so wie von Tobias erwartet. Neue Nachbarn, die Leinhards, ziehen in die Straße und bringen den Vorstadtmikrokosmos wie ein Katalysator zur Reaktion. Wolfgang Leinhard lehrt als Professor, philosophiert gern über Bloch und Adorno. Seine Frau trägt Jeans und übersetzt amerikanische Krimis. „Sie sind nicht gerade hochwertig“, konstatiert Wolfgang. In Sachen Gleichberechtigung erweist er sich doch nicht ganz à jour. Für die revolutionäre Zukunft aber ist gesorgt: Ihre Tochter haben die Leinhards Rosa genannt – nach Rosa Luxemburg. Und die 13-Jährige hat einen eigenen Kopf. „Altklug“, warnt Tobias’ Vater seinen Sohn. Der aber fühlt sich von ihr angezogen wie ein Meteorit von der Sonne. Nicht bloß, weil Rosa Tobias aus der „Geschichte der O“ vorliest. Den Worten folgen Taten, die Schwerkraft der Liebe wirkt, und Woelk entspinnt eine oft auch anrührend komische Teenager-Leidenschaft. Und so unterschiedlich die Familien sind, sie kommen sich näher. Paarweise, über Kreuz und von Frau zu Frau.

Neue Ideen und Emotionen wirbeln das bislang scheinbar wohl austarierte System der Anziehungs- und Abstoßungskräfte durcheinander. Planeten verlassen ihre Umlaufbahnen. Eva will auch Übersetzerin werden, nicht länger als Trabant um ihren Gatten kreisen. Und der muss lernen, dass er nicht länger der Fixstern der Familie sein kann, sich die Brote selber schmieren muss, während seine Frau neue (sexuelle) Welten erkundet.

Ulrich Woelk (58), der schon für seinen Erstling „Freigang“ 1990 den „Aspekte“-Literaturpreis bekam, hat seitdem einige bemerkenswerte Bücher geschrieben. Echte Bestseller wurden nicht daraus. „Der Sommer meiner Mutter“ hätte eine große Leserschaft aber mehr als verdient. Wie Woelk so klar wie mit unaufdringlicher Ironie einen weltbewegenden Sommer in der Provinz skizziert, im Heiteren aber auch die Tragik aufspürt – das ist wahrlich meisterhaft.

Ulrich Woelk: „Der Sommer meiner Mutter“, C.H.Beck, 190 Seiten, 19,95 Euro.