Neuer Präsident der Architekten will den Aufbruch

Neuer Präsident der Architekten will den Aufbruch

Der Saarlouiser Architekt Alexander Schwehm (61) steht in den nächsten fünf Jahren an der Spitze der saarländischen Architektenkammer. Er hat sich einiges vorgenommen und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

"Über den Tellerrand gucken", die Formulierung fällt ein paarmal an diesem Morgen. Gemünzt aufs Saarland, die Baukultur, das Stadt-Land-Gefälle, seinen Berufsstand, die Politik oder die Unterbringung von Flüchtlingen. Alexander Schwehm, gerade mal seit einer Woche Präsident der saarländischen Architektenkammer, brennt für sein neues Amt. Man hört es heraus, wenn er sagt, sein Beruf sei für ihn "auch mein Hobby". Wobei er Mannschaftsspieler zu sein scheint, kein Polarisierer.

Schwehm, der in Saarlouis seit vielen Jahren ein gut gehendes Büro leitet und "von der Garage bis zur Kirchensanierung, vom Kita-Ausbau bis zum Industriebau" alles Mögliche macht, ist sein neues Amt mehr oder weniger genauso in den Schoß gefallen wie ihm nach seinen Worten von Beginn an die Aufträge oft zuflogen. "Ich hab' nie irgendeine Akquise gemacht. Bis heute nicht", erzählt er. Als er sich vor Jahrzehnten selbständig machte und das Bistum Trier gerade einen Kirchensanierer suchte, fiel einem Kleriker ein, dass es da doch einen alten Messdiener gebe, der jetzt Architekt sei: "de Alex." In Saarlouis, wo er am Saaraltarm mit seiner Frau in einem selbst entworfenen, "minimierten Haus" auf 8,36 mal 8,36 Metern auf zwei Etagen wohnt (die Kinder sind aus dem Haus), ist der äußerst umgängliche, gerne in Dialekt fallende Schwehm (61) wohl bekannt wie ein bunter Hund. Früher trat er als Gitarrist einer Band auch auf Stadtfesten auf. Bodenhaftung kommt hier gut an. Und weil sich eben kein anderer aufdrängte, den bisherigen AKS-Präsidenten und im April zum Saarbrücker Baudezernent bestallten Heiko Lukas zu beerben, bot sich dann Schwehm an. Nachdem ihn einige Kollegen dazu ermuntert hatten.

Was aber will er sich auf die AKS-Fahnen schreiben? Nun, wo er bis 2021 gewählt ist. Berufspolitik will er maßgeblich machen, kündigt Schwehm an. Für den Erhalt der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) kämpfen, die die EU zu Fall bringen will. Dabei biete die HOAI den denkbar besten Verbaucherschutz für Bauherren, weil sie alle zu erbringenden Architektenleistungen haarklein festlege. Auch will Schwehm die sechs regionalen Kreiskammergruppen der Architekten stärken - die in Saarlouis hat er bis zuletzt geleitet und die bemerkenswert gut besuchte Ausstellungsreihe "Architektur im Grenzbereich" mit aus der Taufe gehoben. "Oft hatten wir da 1200 Besucher bei je zwei Wochen Laufzeit mit zwei Vorträgen." Er will sein Ohr also an die Fachbasis halten, dazu die (traditionell in Freie und Angestellte aufgespaltene) Architektenschaft einen und aus deren Reihen "politische Netzwerke" generieren. Um den Damen und Herren Volksvertretern "auf Augenhöhe" zu begegnen. Klingt nach einigem Offensivgeist.

Gründe dafür gäbe es zur Genüge. Nehmen wir etwa das leidige Thema Brandschutz, das im reglementierungswütigen, sicherheitsfanatisierten Deutschland inzwischen das Bauwesen nach allen Regeln der Auflagenkunst knebelt. Schwehm sieht dabei "Industrie-Lobbyismus" am Werk: Der Brandschutz sei für die Industrie "zur Gelddruckmaschine" geworden. Ob die Auflagen Sinn machten, sei zweitrangig. Er nennt ein Beispiel: Brandschutztüren in Kitas. Die seien so schwer zu öffnen, dass man im Alltagsbetrieb einen Keil benutze, damit sich die Kinder keinen Finger einklemmen. "Jeder weiß das. Trotzdem baut man sie ein." Hauptsache Planerfüllung. Angst regiere heute in der Bauwirtschaft - Angst vor Regressforderungen, Versicherungsfällen. Auch da, wo der gesunde Menschenverstand einem sage, dass es Rauchmelder auch täten. Weil heute das (etwa von immer neuen Energieeinsparverordnungen überzogene) Bauen derart derart komplexe Züge angenommen hat, ist Schwehm um die Zukunft seines Berufstandes nicht bange: Einerseits täten sich immer neue Nischen auf, andererseits brauche es den Architekten umso mehr als denjenigen, bei dem alle Fäden von A bis Z zusammenlaufen.

Das Sympathische an Schwehm ist seine Offenheit und Geradlinigkeit. Spricht man ihn auf die Bürokratisierung des Bauens an, hält er nicht mit Kritik hinterm Berg: Die saarländische Wirtschaftsförderung ließe sich merklich verbessern, "würden Behördenwege verkürzt". Mitunter warte man Wochen auf Rückrufe aus beteiligten Ämtern. Oder erfahre per Post von Nachbesserungen, "wo telefonieren so viel einfacher wäre".

Direktere Wege propagiert Schwehm. In Sachen Baukultur ließe sich einiges bewegen, "wenn man die Leute an der Hand nimmt und ihnen, aber eben nicht von oben herab, Alternativen aufzeigt". In Sachen Flüchtlinge gelänge Integration gerade im ländlichen Raum besser, "wenn die Ortskerne leben", weshalb er für Sanierungen maroder Gebäude statt Neubauten plädiert und den Zuzug von Migranten als Chance und Bereicherung sieht. Genauso wie es mit dem "in salbungsvollen Worten" beschworenen Ausbau des Tourismus Schwehm zufolge ohne nachhaltige Aufwertung der Ortsbilder nichts wird. Baustellen gibt es also genug für ihn.