Nachruf auf Hannelore Elsner

Zum Tod von Hannelore Elsner : Bis zuletzt ein Karrierefreigeist

Hannelore Elsner ist überraschend im Alter von 76 Jahren gestorben. Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin drehte ebenso mit Freddy Quinn und Bushido, arbeitete für „Opas Kino“ und den Neuen Deutschen Film, bevor ihr eine famose Alterskarriere gelang. Ein Blick auf ein pralles Künstlerleben.

In Saarbrücken konnte man sie 2013 noch einmal sehen: Da war Hannelore Elsner, nicht zum ersten Mal, im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis hier, um aus ihrem Erinnerungsband „Im Überschwang“ zu lesen. Das Motto des Abends in der ausverkauften Alten Feuerwache war die Erinnerung an den 2011 verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger, der einige Jahre lang Elsners Lebenspartner war – und so beschränkte Elsner sich auf das Kapitel über Eichinger. Schade. Dabei hätte sie doch problemlos die ganze Nacht durchlesen können – mit ihrem Elsner-Sound, der oft so klang, als würde sie beim Vortrag in sich hineinlächeln.

So prall ist ihre Filmografie, dass sie gleich für mehrere Lebensläufe ausgereicht hätte – es gibt wenig, was Elsner nicht gemacht hat, sie war ein Teil der deutschen Film- und TV-Geschichte mit all deren Höhen und Tiefen. Wer außer Hannelore Elsner hat gleichermaßen Filme gedreht mit Freddy Quinn und Bushido, Heinz Erhardt und Franco Nero, arbeitete im Neuen Deutschen Film und stach mit dem „Traumschiff“ in See, spielte in „Lümmel“-Filmen und drehte für Autorenfilmerinnen wie Doris Dörrie und Autorenfilmer wie Oskar Roehler. Hinzu kommt ihre Arbeit als Synchronsprecherin, als deutsche Stimme etwa für Liza Minelli in „Cabaret“ und Fanny Ardant in „8 Frauen“. Und Theater spielte sie auch, darunter an den Münchner Kammerspielen.

Hannelore Elsner 1970, als sie unter anderem „Die Herren mit der weißen Weste“ drehte. Foto: dpa/Joachim Barfknecht

Mehr geht kaum in einer bunten und reichen Karriere und in einem Leben, das jetzt für viele überraschend endete – hatte Elsner doch etwas Altersloses an sich und arbeitete kontinuierlich bis zuletzt. Im März hatte Elsner noch die Premiere ihres letzten Kinofilms „Kirschblüten & Dämonen“ begleitet, bis Anfang April drehte sie an einem „Tatort“ aus Frankfurt, in dem sie eine pensionierte Kommissarin spielt. Am Ostersonntag ist Hannelore Elsner gestorben, sie wurde 76 Jahre alt. Familienanwalt Matthias Prinz teilte mit, sie sei „überraschend schwer erkrankt“.

1942 ist sie im bayerischen Burghausen zur Welt gekommen, Elsner  wächst in München auf und erlebt keine heile Kindheit: Ihr älterer Bruder wird kurz vor Kriegsende von Tieffliegern getötet, ihr Vater stirbt an Tuberkulose, als sie acht Jahre alt ist. Mehr als eine Schule wirft sie hinaus, sie beginnt früh eine Schauspielausbildung in München und bekommt schnell erste Rollen beim Film, der damals vor allem das ist, was später als „Opas Kino“ gegeißelt wird. Elsner spielt Ende der 50er/Anfang der 60er in  Schmachtfetzen wie „Freddy unter fremden Sternen“ oder in seichtem Jux wie „Allotria in Zell am See“ – aber auch in einem Film, der bis zuletzt einer von Elsners liebsten blieb: das Ensemble-Stück „Die endlose Nacht“ von Will Tremper, ohne festes Drehbuch improvisiert in einigen Nächten auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. Ein Stück „Neuer deutscher Film“, bevor es diesen Begriff gab.

Elsner 2001 vor dem Saarbrücker Filmhaus im Rahmen des Filmfestivals Max Ophüls Preis. Foto: BeckerBredel

Dennoch: Elsners Rollen in dieser Zeit sind oft eher dekorativ. „Ich behaupte, dass ich durch mein Hübschsein, wofür ich nichts konnte, viel zu wenig gute Rollen gekriegt habe“, sagt sie Jahre später in einem Gespräch mit Alice Schwarzer. In einigen der nostalgisch-spießigen „Lümmel“-Paukerfilme spielt sie eine französische Austauschschülerin mit dem schönen Namen Geneviève Ponelle (charmanter Akzent inklusive). Elsner ist gut beschäftigt in dieser Zeit, und abseits seichter Lustspiele finden sich auch Perlen: etwa die Gaunerkomödie „Die Herren mit der weißen Weste“ vom Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte, an der Seite von Mario Adorf und Martin Held.

In den 1970ern befreit sich Elsner aus dem Korsett von „Opas Kino“ (was nicht allen Kolleginnen und Kollegen gelingt). Neben Auftritten im „Kommissar“ oder dem Simmel-Film „Der Stoff aus dem die Träume sind“ stehen etwa die Eichendorff-Verfilmung „Aus dem Leben eines Taugenichts“, die schwarze Komödie „Bomber & Paganini“  und „Berlinger“ – ein Film von Elsners zweitem Ehemann Alf Brustellin.

Im deutschen Kino der 1980er spielt Elsner keine großen Rollen, das Fernsehen ist ihre Bühne: „Tatort“, einmal „Schwarzwaldklinik“, die Zollserie „Schwarz Rot Gold“ – eine Produktion ihres kurzeitigen Partners Dieter Wedel, Vater ihres einzigen Kindes Dominik.

Ab 1994 spielt sie in der ARD-Serie „Die Kommissarin“ die Ermittlerin Lea Sommer, 66 Folgen lang, bis 2006. Elsner ist also bestens im Geschäft – als Charakterdarstellerin gilt sie zu dieser Zeit aber nicht. Das ändert sich im Jahr 2000 mit dem Kinofilm „Die Unberührbare“, der ihre Karriere nochmal in eine andere Richtung lenkt. In Oskar Roehlers radikalem Drama spielt sie die Schriftstellerin Gisela Elsner (die Namensgleichheit ist zufällig), tabletten- und nikotinsüchtig, mit zwei Zigaretten in der Hand und einem Telefonhörer am Ohr, in den sie sagt: „Ich bringe mich jetzt um. Ich lege auf.“ Das beklemmende Kammerspiel in düsteren Schwarzweißbildern entpuppt sich als Sensation und ist vielleicht auch Hannelore Elsners Möglichkeit, all den frühen seichten Rollen eine lange Nase zu zeigen. Ihr Mut, einen derart sperrigen und unkommerziellen Fim zu drehen, eröffnet ihr eine famose Spätkarriere: In „Mein letzter Film“ nach einem Drehbuch von Bodo Kirchhoff spielt sie eine alternde Schauspielerin, in einem 90-minütigen Monolog; es folgen der Kinohit „Alles auf Zucker!“ von Dani Levy und Doris Dörries „Kirschblüten – Hanami“: Ihre Szenen mit Elmar Wepper als schicksalsgegerbtes Ehepaar, dass sich auch nach Jahrzehnten noch in Liebe zugetan ist, sind wundersam berührend.

Elsner könnte sich zu dieser Zeit in ihrem späten Ruhm als Arthouse-Muse sonnen und auf die nächste brillante Rolle warten – aber sie arbeitet einfach gerne, und da passt es irgendwie, dass sie auch mal zwei knallbunte „Hanni & Nanni“-Filme dazwischen schiebt, in „Zeiten ändern Dich“ die verständnisvolle Mutter von Rap-Rüpel Bushido spielt und sich auf dem „Traumschiff“ Wind um die Nase wehen lässt. Elsner bleibt bis zuletzt ein Karriefreigeist.

Viele Ehrbezeugungen sind nun zu ihrem Tod zu hören. Außenminister Heiko Maas (SPD) etwa nannte sie „eine Ikone des deutschen Films“, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine „wundervolle Schauspielerin und großartigen Menschen“. Die vielleicht treffendste Hommage stammt aber von Regisseurin Doris Dörrie, die mit „Kirschblüten & Dämonen“ Elsners letzten Film gedreht hat, in dem sie als tote Mutter in den Gedanken ihres Sohns umherwandert: „Für mich war Hannelore Elsner eine große Abenteuerin, die sich mit Neugier, Hingabe und Tapferkeit in jede Rolle und in ihr Leben gestürzt hat. Ich werde sie sehr vermissen.“

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