Innovation trotz Sparkurs: Musikhochschule trotzt dem Spardiktat

Innovation trotz Sparkurs : Musikhochschule trotzt dem Spardiktat

Neue Professuren für Musiksoziologie und Musikwissenschaft und die Idee eines Studiengangs Musikjournalismus. Dies und mehr will die Hochschule für Musik mit ihrem Entwicklungsplan durchsetzen – allen Sparzwängen zum Trotz.

Trotz strammen Sparkurses plant die Hochschule für Musik Saar (HfM) für die nächsten Jahre zahlreiche Neuerungen. Etwa mit einer bundesweit einmaligen Professur für Musiksoziologie will sich die HfM, die mit 450 Studierenden zu den kleineren der 24 Musikhochschulen in Deutschland zählt, profilieren. Das geht aus dem neuen Hochschulentwicklungsplan hervor, den HfM-Rektor Professor Wolfgang Mayer gestern gemeinsam mit Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) vorgestellt hat. Der Senat der Hochschule hatte den Plan im Oktober 2017 einstimmig angenommen, das Ministerium am 19. März zugestimmt. Die HfM setze auf Qualität, betonen Mayer und Commerçon. „Wachstum ist nicht das primäre Ziel“, sagte der Minister. Die Zahl der rund 450 Studierenden solle konstant gehalten werden.

An Ideen mangelt es in dem 40 Seiten starken Plan nicht. „Bereits umgesetzt ist die Einrichtung einer neuen Professur für Musikwissenschaft mit einem Schwerpunkt Musiktheorie, die alle Studiengänge, einschließlich der Lehramtsausbildung, für die Anforderungen einer künstlerischen Hochschule optimieren soll. Ebenso bereits eingerichtet ist eine neue Professur für Ensembleleitung Neue Musik, die die Professur Komposition im Zusammenhang mit dem neuen elektronischen Studio in idealer Weise komplettiert“, sagt Mayer. Ebenfalls geplant ist eine Professur für Streicherkammermusik.

Darüber hinaus will die HfM einen Studiengang „Musikjournalismus“ anregen. Hier seien Kooperationen mit der Saar-Uni, der HTW und dem SR denkbar, sagte Mayer. Die gestiegene Bedeutung qualifizierter Musikvermittlung in den Medien mache fundierte Fachkenntnisse notwendig. Mit einer Juniorprofessur für „Musikvermittlung“ sollen über bestehende Formate der „Konzertpädagogik“ hinaus neue Vermittlungsformate entwickelt werden, die stärker in die sich durch Digitalisierung und kulturelle Vielfalt verändernde Gesellschaft hineinwirken.

Hohe Erwartungen setzt Mayer in die Professur für Musiksoziologie: „Wenn wir als abgehobenes Raumschiff durch die Gegend fliegen und uns nicht interessiert, was in der Gesellschaft passiert, dann machen wir einen Riesenfehler. Wir müssen doch schauen, was die Jugend bewegt. (. . .) Diese Gruppe wird zu wenig untersucht. Wie sind Konzertformate von morgen? An was hängt das?“ Bisher fehle hierzu die profunde wissenschaftliche Forschung.

Angesichts des Sparfahrplans klingen die Pläne wie eine Wunschliste. Mayer spricht lieber von Visionen und gibt sich überzeugt, früher oder später die Pläne umsetzen zu können: „Ohne Visionen können wir nicht sagen: Das ist der Weg. Die Politik braucht diese Leitplanken.“ Commerçon räumt ein: Der Entwicklungsplan ist noch nicht ausfinanziert: „Er gibt eine Richtung vor, in die sich die Hochschule entwickeln soll.“ Im nächsten Schritt würden aus dem Plan heraus die Ziel- und Leistungsvereinbarungen erstellt. Dann wird sich zeigen, was tatsächlich machbar ist. Bis 2020 muss die HfM strukturell 431 000 Euro einsparen. Das Budget sinkt im Vergleich zu 2015 um rund acht Prozent. „Wie alle beteiligen wir uns an der Schuldenbremse. Das tut uns schon weh und das macht uns auch Sorgen“, sagt Mayer.

Strukturell eingespart wurden bisher zwei Verwaltungsstellen, was rund 97 000 Euro entspricht. Bis 2020 fehlen noch gut 330 000 Euro. Dies meistert die HfM aktuell durch die Nichtbesetzung frei gewordener Professuren  sowie aus Rücklagen. 2017 wurden erstmalig eine Million Euro Rücklagen aus den Jahren 2015/16 verwendet. Dieses Geld, das früher zurück in den Landeshaushalt floss, darf jetzt bei der Hochschule bleiben. Damit sollen unter anderem wissenschaftliche Mitarbeiter befristet eingestellt werden. Rektor Mayer hofft auf neue Perspektiven für seine Musikhochschule, wenn das Land ab 2020 neue Mittel aus den Bund-Länder-Finanzen erhält.

„Die Einhaltung dieser Sparvorgaben führt zu einer existenzbedrohenden Verschlechterung grundlegender Rahmenbedingungen hinsichtlich der Aufrechterhaltung des Qualitätsstandards der Lehre“, schreibt die HfM im Entwicklungsplan. Diese bedeuteten einen Wegfall von rund acht Stellen. Dies sei um so gravierender, da viele andere Standorte finanziell besser gestellt worden seien. Die Hochschule fürchtet daher ein weiteres Abdriften des Saarlandes weg von einheitlichen Rahmenbedingungen. „Bereits jetzt liegt das Saarland an drittletzter Stelle der Pro-Kopfausgaben je Studierendem an Musikhochschulen Deutschlands“, schreibt die HfM. Man fürchte um die „international anerkannte Qualität“.

Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD). Foto: SPD-Landtagsfraktion/Tom Gundelwein/Tom Gundelwein
HfM-Rektor Wolfgang Mayer. Foto: Dirk Guldner / www.foto-guldner./Dirk Guldner/www.foto-guldner.

Gleichwohl sehe man auch, was das Land investiere. So werden im Hauptgebäude aufgrund von Brandschutzbestimmungen neue Fluchtwege gebaut. Infolgedessen muss die Mensa in das Atrium umziehen. Hier soll eine Art Wintergarten entstehen. „Das bedeutet, für die Konzertbesucher wird es abends eine schöne Location geben, wo man vielleicht noch einen Crémant oder ein Wasser trinken kann“, sagt Mayer. Zumindest diese Vision wird Wirklichkeit.

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