Mode-Star Lacroix als Opern-Helfer

Mode-Star Lacroix als Opern-Helfer

Was kann ein Ex-Couturier besser als andere Kostümbildner? Am Saarbrücker Theater lässt sich das beobachten. Christian Lacroix hat den „Tannhäuser“ ausgestattet. Im Juni ist Premiere.

Tüll-Blumen auf dem Boden, den Ablagen, den Stühlen - die Probebühne des Saarländischen Staatstheaters ist ein in Burgunderrot aufschäumendes Meer. Das passt zum einstigen Star-Modemacher aus Paris, den seine barock überformten Luxus-Roben berühmt machten. Auf dem Tisch stehen echte Pfingstrosen, auch hier verschwenderische Schönheit. Eine Verbeugung vor dem Maître der Haute Couture - genau so hat man sich das vorgestellt. Und genau so ist er dann eben nicht, der Monsieur Lacroix, der für den "Tannhäuser" in Saarbrücken die Kostüme entworfen hat. Nicht affektiert, nicht reserviert, nicht genervt, sondern eher so, wie ihn Journalistenkollegen beschreiben: "angenehm, gebildet, bescheiden".

Christian Lacroix (66), wirkt bei der Begegnung geradezu scheu. Auch modisch unterläuft er alle Erwartungen an Extravaganz: Klamotten von der Stange? Er, der in den 80er und 90er Jahren, als er für Patou arbeitete und später für das eigene Unternehmen, auf Du und Du war mit dem japanischen Kaiserhaus und anderen Celebrities dieser Welt, hält sich gerne abseits und hat, wie man hört, in Saarbrücken enorm konzentriert gearbeitet. Vor allem: stramm.

Das Zeitkorsett ist eng bis zur Premiere am 4. Juni. Er selbst trug maßgeblich zum Stress bei, wie er erzählt, weil er seine Entwürfe sehr spät lieferte. Umso enthusiastischer fällt sein Lob für die SST-Kostümabteilung aus: "Großartig!" Lacroix hat viele Vergleiche, seit über 30 Jahren arbeitet er fürs Theater, vermehrt seit der Pleite seines Lacroix-Mode-Imperiums 2009: für die Comédie Française, die Hamburger Staatsoper, das Theater an der Wien. Lacroix betont: "Ich lobe nicht, um zu schmeicheln." Nein, das hat er nicht nötig, aber nett ist er wohl sehr gerne, das spürt man, wenn man ihm gegenüber sitzt oder mit Küsschen verabschiedet wird - unaufdringlich charmant.

26 Choristinnen waren in zwei Tagen einzukleiden - hauptsächlich in einen weißen, sehr festen papierartigen Stoff, der sich aufstülpt wie eine weiße Calla-Blüte. Der Damenchor soll ein Blumenmeer symbolisieren, so sieht es die Konzeption von Regisseur Johannes Erath vor. Er ist Gast am SST und arbeitet, nach einer "Aida" in Köln und einem "Lohengrin" für Graz/Oslo, jetzt das dritte Mal mit dem Pariser Kostümdesigner zusammen. Überraschenderweise nicht, weil Lacroix eine Explosion an Ideen mitbringt, sondern weil er genau das perfekt umsetzt, was Erath will. Wie bitte? Seine Erfindungsgabe sei zweitrangig, sagt Lacroix: "Ich stehe zu Diensten." Dass Erath ganz genau wisse, welche Bilder er evozieren wolle, sei ein Hauptgrund dafür, dass er so gerne mit ihm arbeite. Umgekehrt sagt Erath, er schätze an Lacroix nicht etwa dessen glamourösen Namen, sondern habe ihn engagiert, weil er eine ideale Besetzung für den "Tannhäuser" sei, den man in Saarbrücken in der "Pariser Fassung" in Französisch spiele.

Es gehe auch nicht darum, dass ein früherer Star-Couturier womöglich alles besser könne als andere Kostümbildner-Kollegen. Vielleicht aber doch. "Er hat das alles im Blut", sagt Yolande Barone. Die Französin ist die rechte Hand des Saarbrücker Kostümdirektors Markus Maas - und vor Begeisterung kaum zu bremsen. "Man kann das schlecht beschreiben. Wir Franzosen sagen: On reconnait la main de maître. Man erkennt die Hand des Meisters."

Lacroix als Theater-Dienstleister? Kaum vorstellbar, dass einem Mann, der einst ausschließlich aus der eigenen Kreativitätsquelle schöpfte, das genügt. Fehlt ihm nichts? Lacroix erläutert, was er bereits vielfach zu Protokoll gab: Dass er sich in die Haute Couture eigentlich verirrt hatte und sich als Modeschöpfer wie Mister Jekyll und Mister Hyde fühlte, also fremd im eigenen Leben. Während die Kostümbildnerei der Berufswunsch seiner Kindertage war, den er sich spät erfüllte. Vielleicht sei es nun tatsächlich Zeit, eine neue Vision zu entwickeln, meint er. Dass Saarbrücken mit dem TGV so prima zu erreichen sei, gefällt ihm. Doch obwohl Lacroix das Innendesign für Schnellzüge entwickelt hat, brauste er nicht in den eigenen Sitzbezügen heran. Seine Züge seien auf atlantischen Strecken eingesetzt, erklärt er. Er erinnert sich, dass ihm Saarbrücken keineswegs fremd ist. Vor Jahren lebte hier ein Mitarbeiter - heute ein Freund -, der für ihn Stoffe anfertigte und den er mehrfach besuchte. Zudem war der Vater von Lacroix beim Militär in Forbach.

Welche Beziehung verbindet ihn mit dem deutschen Romantiker Richard Wagner? Auch hier wieder Jugenderinnerungen: Dass er, der mit südeuropäischen Klängen aufwuchs, dem Puccini oder Verdi vertraut waren, den "fremden" Wagner besonders attraktiv fand und ihn deshalb sehr oft hörte. Opulenz scheint Lacroix also in jeder Hinsicht zu gefallen - und umgekehrt zieht er die Extravaganten an. Mireille Mathieu und Madonna kauften Tournee-Outfits bei ihm. Wobei er Madonna nur ein einziges Teil, eine Corsage, direkt auf den Leib schneiderte. Den Rest habe sich die Sängerin aus seiner Kollektion ausgesucht. Ja, meint Lacroix, er habe durchaus ein Faible für Drama-Queens: "Ich habe schließlich eine geheiratet". Das ist über 40 Jahre her.

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In Saarbrücken stellt sich Lacroix in den Dienst der Regie-Konzeption von Johannes Erath. Fotos: Rich Serra.

Christian Lacroix (66) ist einer der bekanntesten französischen Modeschöpfer. Geboren in Arles, studierte er Kunstgeschichte, bevor er in den 1970ern durch seine Frau in Kontakt kam mit der Modebranche. Zunächst arbeitete er für Hermès. 1987 gründete Lacroix sein eigenes Unternehmen, entwarf zahlreiche Haute-Couture-Kollektionen. 2009 ging die Firma in Insolvenz. Mit seiner neuen Designfirma XCLX entwirft Lacroix Kostüme und Bühnenbilder für Ballett und Oper. Neben Johannes Erath arbeitet Lacroix bevorzugt mit den Regisseuren Vincent Boussard und Denis Podalydès zusammen. Ebenso gestaltet er auch Design für den TGV, die S-Bahn in Montpellier und für Hotels.