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Mobbing der Froschkönigin

Mobbing der Froschkönigin

Missraten oder mutig? Die erste Opernproduktion des Saarbrücker Ballettchefs Stijn Celis brachte am Samstag Diskussionsstoff ins Theaterfoyer. In der ersten großen spartenübergreifenden Produktion des Staatstheaters blieb der Tanz weit hinter seinen Möglichkeiten. Das Publikum zeigte sich am Samstag trotzdem begeistert.

Nach weniger als einer Viertelstunde fühlt man einen magischen tänzerischen Sog. Vor dem inneren Auge zieht die zu frivolen Puppen aufgerüstete Versailler Hofgesellschaft vorbei, die die Seiden-Schühchen im strengen Muster des Menuetts hebt. Man selbst spürt jedoch einen ganz anderen, einen modernen Groove. So, als lauschte man dem Disco-Sound des Rokoko-Zeitalters. Rank und schlank, rhythmisch-vital, rasant und mitreißend klingt das, was Christopher Ward aus dem Staatsorchester herauszaubert.

Er hat sich zusammen mit Regisseur Stijn Celis gegen eine historisierende Klang-Rekonstruktion von Jean-Philippe Rameaus "Platée" (1745) entschieden. Es ist dies eine hedonistische Hymne auf Feierlaune und Trinklust, zugleich eine grausame Intrigengeschichte um die unansehnliche Sumpfnymphe Platée, der eine Scheinehe mit Jupiter vorgegaukelt wird. Musikalisch hat Rameau (1683-1764) da eine Menge erotische "Vibrations" untergebracht. Doch die gibt's in Saarbrücken nicht. Der Chor wird von Celis zwar in Bewegung, aber nicht in Interaktion gebracht, er intoniert schmissig-dynamisch oder höhnisch (Leitung: Jaume Miranda), baccantische Ausgelassenheit vermittelt sich nicht. Und auch die Sänger führt Celis recht starr an die Rampe, kaum zueinander. Obwohl er eine Mobbing-Geschichte erzählen will, verweigert er den Transport ins Hier und Heute.

Das Stück wird von ihm der Rokoko-Zeit entrissen und historisch entkoppelt, in eine bizarre Märchenwelt entrückt, die Las-Vegas-Blinklicht-Prunk, Naturidyll und Hallenbad-Atmosphäre zusammen zwingt. Die insgesamt krude, nur auf den ersten Blick originell-freche Ausstattung von Nicolas Musin stellt sich als generelles Handicap heraus. Musin hat die Körper von Choristen, Tänzern und Sängern durch Aufpolsterungen und Busen-Attrappen verbeult und verfremdet. Man trifft Satyre und Punks, futuristische ägyptische Könige und glatzköpfige Froschwesen. Mercure (Carlos Moreno Polizari) tritt als goldschimmerndes Elvis-Presley-Double auf, Platées Nymphenvolk als grau gekleidete Proletarier. Das Ballett legt eine kindliche Regenmantel-Hüpferei hin, als sei's eine "Singing-in-the-rain"-Shownummer. Nein, dieses Kraut-und-Rüben-Panoptikum taugt nicht zur bösen Persiflage, die Celis wohl ansteuerte. Doch er bleibt auf halbem Weg stecken, schwankt bei der Verhohnepiepelung des Stoffes zwischen Draufgängertum und Kleinmut. Denn seine Sympathie und Empathie gehört der Titelfigur. Bei Thomas Michael Allen ist Platée kein schriller Transvestit, sondern eine Riesin mit muskulösen Frosch-Oberschenkeln, bemitleidenswert unbeholfen. Diese Platée behält ihre Würde, selbst wenn wir über sie lachen. Allen meistert das darstellerisch großartig, auch noch, nachdem er seine Hautecontre-Partie wegen einer Indisposition nach der Pause an Ulrich Cordes abgeben musste. Der war zuvor bereits als düstere Conferencier-Type Thespis aufgefallen.

Ebenfalls herausragend, weil mit herzzerreißenden Höhen, gestaltet Elena Harsányi die Partie der Platée-Gefährtin Clarine. Und Ytian Luan jagt als allegorische Figur "La Folie" staunenswerte, überdrehte Koloraturkaskaden in die Höhe - ein parodistisches Fest.

Nicht nur wegen Allens Ausfall markierte die Pause bei der Premiere einen Stimmungs- und Dynamik-Bruch. Vieles sah nur noch nach Verlegenheitslösungen aus, insbesondere die Choreografien. Celis zwängt sein Ensemble zwischen Stuhlreihen und Felsblöcke, die nackten Männer müssen mit einem putzigen Geschenkkarton vor dem besten Stück kindlich tollen, männlich posieren und atavistisch stampfen.

Auch insgesamt entwickeln sich die Tanzeinlagen der Oper nicht zu kraftvoll-eigenständigen Glanzpunkten. Celis nutzt sie nicht als Sprenginstrument für die Rameausche Stück-Struktur. So bleiben sie brave, der Komik dienende "Divertissements" - für einen Ballettchef, der eine Ballettoper anpackt, kein guter Befund.

Allerdings zieht der Zuschauer nicht etwa frustriert von dannen, sondern mit widersteitenden Gefühlen. Denn keinen Moment langweilig war's und amüsant - aber auch harmlos.

Wieder: 22., 30. Januar, 4., 12., 21., 25., 28. Februar. Karten: Tel. (0681) 30 92 486.