Mit seiner Schau "museum global" rückt das Düsseldorfer K20 die außereuropäische Kunst in den Fokus.

Ausstellungen : Weil es nicht nur in Europa eine Moderne gab

Das K20 in Düsseldorf bricht mit „Museum Global“ den eurozentristischen Blick auf die Moderne auf.

Kunst aus Südamerika, Asien oder Afrika? Bei der documenta in Kassel hat sie sich lange schon etabliert und ist zu einer lieben Gewohnheit geworden. Auch in deutschen Museen ist sie zu sehen. Allerdings handelt es sich dabei immer um zeitgenössische Positionen. Was aber ist mit der Klassischen Moderne? Ist sie ausschließlich ein Phänomen der westlichen Welt? Oder gab es abseits der großen Zentren Berlin, Paris, Wien, New York ähnliche Bewegungen?

Das K20 in Düsseldorf will mit dem Ausstellungsprojekt „Museum Global“ den eurozentristischen Blick aufbrechen und sich anderen Hotspots widmen, die von der Kunstgeschichte bisher als Phänomen der Peripherie weitestgehend ignoriert wurden. Die europäische Moderne soll so als Teil einer weltumfassenden Entwicklung für den Besucher nachvollziehbar werden. Von einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes ausgehend, der auch schon das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main und die Nationalgalerie in Berlin gefolgt sind, erzählt das Kuratorenteam um Susanne Gaensheimer sieben „Mikrogeschichten eine exzentrischen Moderne“ und bricht diese an Werken der eigenen Sammlung. Für Gaensheimer als neue Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nicht nur eine Möglichkeit, die eigenen Werke noch besser kennenzulernen, sondern auch eine Chance, erstmals seit 1986 die Dauerausstellung im K20 neu zu hängen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Bei den 150 gezeigten Arbeiten handelt sich nicht um eine Neuhängung, die mit ein paar wenigen Leihgaben aufgepeppt wird, sondern um eine veritable Sonderausstellung, die durch die eigene Sammlung ergänzt wird. Den Prolog bildet das 1960 erworbene Konvolut von Paul-Klee-Werken, das den Grundstock der ein Jahr später gegründeten Kunstsammlung bildete. Weil in dem provisorisch genutzten Jägerhof (in dem sich heute das Goethe-Museum befindet) nicht genug Platz war, ging die Klee-Sammlung seinerzeit auf Tournee und wurde bis zur Eröffnung des heutigen Hauses am Grabbeplatz 1986 rund um den Globus geschickt. Als Kulturbotschafter, sozusagen, um nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland ein Stück weit zu rehabilitieren. Paul Klee, der von den Nazis als „entartet“ diffamiert und 1933 als Professor aus der Düsseldorfer Akademie entlassen wurde, schien dazu der ideale Mann zu sein. Dass der vom Auswärtigen Amt verfasste Abschlussbericht der Tournee vermerkt, dass Klee bei seinem Gastspiel in Israel von der hebräischen Presse fast ausschließlich als „Schweizer Künstler“ wahrgenommen wurde (seiner Schweizer Mutter wegen), ist nur eine von vielen kleinen Geschichten, die diese klug konzipierte Ausstellung erzählt.

In sieben Kapiteln widmet sich die Schau der Abkehr vom traditionellen Akademismus, den die Avantgarde überall auf der Welt zwischen 1910 und 1960 vollzogen hat. Manches Epigonale ist darunter, aber auch so manche Entdeckung. Da hängt die „Nackte Schönheit“ (1912) von Yorozu Tetsugoro, die als erstes Bild des Modernismus in Japan gilt, gleich neben Ernst Ludwig Kirchners „Mädchen unter Japan-Schirm“ (1909) und zeugt davon, dass beide sich von Van Gogh und Henri Matisse beeinflussen ließen. Daneben entpuppt sich beim genauen Hinsehen die abstrakte „Komposition“ (1915), die man zuerst für einen Kandinsky gehalten hat, ebenfalls als Arbeit Tetsugoros. Kein Wunder, wurden seine Werke in Japan ihrer ungewohnten Subjektivität wegen doch oft westlichen Künstlern zugeordnet.

Das bunte Gemälde „Carnaval“ (1924) des Brasilianers Emiliano di Cavalcanti dagegen zeigt Einflüsse von Chagall und George Grosz. Wie sein Landsmann Vicente do Rego Monteiro, der sich von Fernand Léger inspirieren ließ, nahm Cavalcanti die Avantgarde in Europa wahr, wollte sie aber mit der brasilianischen Kunst verschmelzen und propagierte die Umsetzung des „fabelhaft Tropischen“. Der Schriftsteller Mário de Andrade ging sogar soweit, als eigenen Stil den „Urwaldismus“ auszurufen.

Kaum einen der gezeigten Künstler kennt man. Obwohl viele von ihnen nach Deutschland oder Frankreich kamen, um dort zu studieren. Amedeo Modiglianis in Paris entstandenes Porträt des Malers Diego Rivera zeugt davon. 1921 ging Rivera nach Mexiko zurück und malte dort seine riesigen Wandbilder (Murals). Auch die indisch-ungarische Malerin Amrita Sher-Gil, die schon bei der letzten Documenta wiederentdeckt wurde, studierte in Paris und sah dort Bilder von Paul Gauguin. Nach ihrer Rückkehr ins indische Simla wurde sie dort als Vertreterin der „typischen, modernen französischen Malschule“ verspottet. Ihr soll in Düsseldorf demnächst eine Retrospektive gewidmet werden. Das zeigt, dass Susanne Gaensheimer es mit der Globalisierung ernst meint und an ihrem Haus wirklich ein neues Kapitel aufschlagen will.

Bis 10. März. Di bis Fr: 10-18 Uhr, Mi: 10-19 Uhr, Sa/So: 11-18 Uhr.

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