Mit "Die einzige Geschichte" gelingt Julian Barnes ein altersweiser Liebesroman

Neue Bücher : Ein Verwüstung namens Liebe

Julian Barnes gelingt mit „Die einzige Geschichte“ ein lebenskluger, berührender, lange nachhallender Liebesroman.

„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“ Schon der erste Absatz von Julian Barnes’ gerade erschienenem Roman „Die einzige Geschichte“ verheißt uns einen philosophisch grundierten Liebesroman. Wir werden nicht enttäuscht: Barnes – einer der versiertesten Autoren der angelsächsischen Literatur und ein Meister ebenso beiläufigen wie konzentrierten Erzählens – legt ein herzzerreißendes, altersweises Werk vor, das weit weniger plakativer gerät, als seine Anfangssätze fürchten lassen.

Barnes’ Erzähler blickt darin im Alter von gut 70 Jahren auf seine erste – und einzige wirkliche – Liebe zurück. Als dieser Paul Roberts ein 19-jähriger Collegestudent war, lernte er in den frühen 60ern im damals noch ziemlich engstirnigen London die knapp 30 Jahre ältere, verheiratete Susan (Mutter zweier erwachsener Töchter) kennen. In dem Tennisclub, in den Pauls Mutter ihn eigentlich zur Anbahnung einer bürgerlichen Karriere einzutreten nötigte, wird sie seine Doppelpartnerin und dann bald seine Geliebte. Paul –  ungestüm, langhaarig und wild entschlossen, kein „Muldenhocker“ zu werden – lebt ihre Affäre mit prahlerischem Stolz und absolutistischer Unbedingtheit aus: Liebe, glaubt er, muss „ihrem ganzen Wesen nach kataklystisch, verheerend“ sein. Susan, die mit ihrem missmutigen Mann seit Jahren keinen Sex mehr hat, bezaubert Paul mit ihrer Unkonventionalität und ihrem Witz, während sie der Unbedingtheit seines jugendlichen Aufbruchsgeists erliegt.

Wie Barnes entlang dieser den Mittelstandsmuff der restaurativen, frühen 60er aufmischenden Liebesgeschichte dann über 300 Seiten hinweg ein dreigeteiltes Beziehungsdrama ausbreitet, an dessen Ende Susan zur dementen Alkoholikerin und Paul zum desillusionierten Einzelgänger geworden ist, das enthält derart viel Lebensweisheit, dass man nicht umhin kommt, diesen Roman ein reifes Alterswerk zu nennen. Verhandelt werden darin existenzielle Fragen von Schuld, Scham und Sterblichkeit. Indem Barnes’ Erzähler am eigenen Lebensabend auf die eigene Jugend zurückblickt, debattiert das Buch beständig die Wesensunterschiede zwischen Jugend und Alter: hier radikale Gegenwärtigkeit, dort das Leben in der Vergangenheit. Während Paul als junger Mann glaubte, die Alten seien dazu da, die Jugend zu beneiden, empfindet er 50 Jahre danach nun „eine retrospektive Dankbarkeit für eben die Sicherheit und Eintönigkeit, mit der er gehadert hatte, als er Susan kennenlernte“. Dazu passt, dass die Erzählperspektive im Roman von der Ich- zur Du- und schließlich zur Er-Form wechselt – ein Fingerzeig Barnes, der verdeutlicht, dass die Erfahrungen Pauls mit den Jahren mehr und mehr Allgemeingültigkeit erlangen.

Die skandalöse Liaison mit Susan quittiert die pikierte Tennisgesellschaft mit beider Ausschluss aus dem Club. Susan nennt ihresgleichen eine „abgehalfterte Generation“, deren aufgeweckteste Teile ihr Leben im Krieg gelassen hätten. Die Verachtung des Bürgerlichen eint Paul und Susan. Konsequenterweise mieten sie sich in einem abbruchreifen Haus ein. Während Paul als Anwalt Fuß zu fassen beginnt, verfällt Susan allmählich dem Alkohol – ohne dass beide wirklich sagen könnten, wie die Unbeschwertheit ihrer Liebe eher schleichend vom drögen Alltag und „der Panik in ihrem Inneren“ aufgesorgen wird, in der sich das Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit Bahn bricht. Und eine Ahnung davon, dass Liebende dann doch nicht „außerhalb der Zeit stehen“.

Ihre glühende, aufrichtige Liebe gerinnt, je weniger Widerstände ihr entgegenstehen, nach und nach „zu einem Gemisch aus Mitleid und Zorn“. Paul erträgt es nicht, Susans Verfall zuzusehen und nurmehr ihre „emotionale Haushaltshilfe“ zu sein; Susan wiederum leidet unter ihrer Vereinsamung und dem einschlägigen Versteckspiel Alkoholkranker. So mündet Barnes „einzige Geschichte“ in ein großes, lebenskluges, schonungslos vor uns ausgebreitetes Melodram, in dem es zuletzt für Paul nur noch darum geht, sich selbst zu retten – und die Erinnerungen an ihre glücklichen Anfänge. Je mehr Paul über die Beschaffenheit (und Verlässlichkeit) von Erinnerungen meditiert, desto mehr steht er vor der elementaren Frage, wie sich ein Leben überhaupt fassen lässt. Am Ende begreift er, dass es kein simples Entweder-Oder im Leben gibt. Einerseits beinhaltet jedes Handeln die Tilgung einer anderen Möglichkeit, ohne dass wir deshalb aber gleich „dem Kapitän eines Raddampfers, der über den gewaltigen Mississipi des Lebens“ tuckert, gleichen. Andererseits sind gleichzeitig Kräfte – genauer: biografische Vorgeschichten – am Werk, die bewirken, dass „ein Menschenleben (. . . ) nicht mehr als ein Knubbel an einem Baum (ist), der selbst auf dem gewaltigen Mississipi umhergetrieben wurde“.

Auf splendide Weise zeichnet Barnes’ Roman nach, wie sich die Blick- und Verhaltensweisen mit den Jahren verändern. Als 19-Jähriger wollte Paul „in seiner Verzückung die Liebe nicht verstehen, sondern erleben“. Im Alter wird es umgekehrt sein. Verstehen wird er, dass darin sowohl Selbstgefälligkeit und Reue als auch Hingabe und Ausbruch miteinander ringen. „Daher verstand er jetzt besser, warum Paare sich an ihre eigene Geschichte klammern (. . .) Schlechte Liebe enthielt immer noch ein Rudiment guter Liebe.“

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. A. d. Engl. von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 304 S., 22 €.

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