1. Nachrichten
  2. Kultur

Neue Ausstellung in Saarbrückens Stadtglalerie: Mit den Augen riechen, mit den Ohren sehen

Neue Ausstellung in Saarbrückens Stadtglalerie : Mit den Augen riechen, mit den Ohren sehen

Die Saarbrücker Stadtgalerie zeigt multisensuelle Rauminstallationen der in Darmstadt lebenden Künstlerin Helga Griffith – heute ist Vernissage.

Meeresbrandung umrauscht uns, sobald wir den schlauchartigen ersten Raum der Stadtgalerie betreten. Wie so oft ist es einmal mehr der am schwierigsten zu bespielende Raum, der die größte Sog­kraft entfaltet. Die in Darmstadt lebende Installationskünstlerin Helga Griffith hat in dieses gestreckte Dunkel eine langgezogene, wellenartig geformte Schleife hineingebaut, auf der Wörter übereinander projiziert sind: seh- wie seetaugliche Bruchstücke aus Homers Odyssee, die sich fortwährend auflösen. Wie die Lichtwellen, die über die Wände flirren.

Man läuft durch diese Wellenbögen und wird dabei selbst zur Membran, von Leuchtschrift beschrieben. Ganz hinten läuft an der Wand ein Video. Als blicke man durch ein überdimensionales Bullauge, sieht man – überblendet von Meereswogen und unterlegt von Klangwogen von Johannes Sistermanns – einen alten Mann, den Schauspieler Oliver Powell. Zieht man den Kopfhörer auf, erzählt er von seiner eigenen Odyssee: Als Marinesoldat reiste er in jungen Jahren von Australien nach England, um als Greis heimzukehren. Griffiths Rauminstallation deshalb nun zu einem Migrationsstatement hochzujazzen, ist abwegig: Die Arbeit bezwingt ganz ohne solcherlei Zeitgeisthascherei.

Anders als die anschließende inkohärent bleibende Arbeit „Pyke’s Modell“ – sie zeigt ein Video, das auf Forschungen des Ornithologen Graham Pyke zur Revierverteidigung des lateinamerikanischen Nektarvogels basiert. Dessen Großaufnahmen kombiniert Griffith mit Satelliten- und Drohnenbildern von Zypern, Kasachstan, Israel, Korea und dem „Grünen Band“ entlang der früheren innerdeutschen Grenze. Gefolgt von Bildschnippseln, die von Wasserknappheit künden. All das mutet aber eher wie ein Video-Bauchladen an, der mal eben Ressourcenknappheit mit Bürgerkriegen und Migrationsströmen kurzschließt. Soll da jeder seine passende, vermeintlich hochaktuelle Assoziation hineindichten?

Sicher, das Oberthema „Crossings“ (in der englischen Doppeldeutigkeit von Überquerungen und Kreuzungen) dieser ersten umfangreichen Einzelschau Griffiths löst auch diese Videoarbeit ein. Doch wirkt die sie rahmende Rauminstallation plump: Erst passieren wir einen Maschendrahtzaun als Verweis auf das Grenzthema, um uns zuletzt beim Betrachten des Videos selbst in einem mit Maschendraht überzogenen Spiegel auszumachen – eine reichlich platte Symbolik. Auch bleibt unersichtlich, inwieweit die Luftaufnahmen reale Grenzverläufe dokumentieren. Die Qualität von „Pyke’s Modell“ liegt eher darin, dass uns hier die Frage nahegelegt wird, wieviel Energie wir selbst heute in die Verteidigung unserer Reviere legen. Ob nun von Vorgärten oder von Länder- und Wohlstandsgrenzen. Doziert eine Off-Stimme doch das Nestverteidigungsgebaren des ungeachtet seiner Schönheit aggressiven Nektarvogels und erklärt, dass „Reviere von besserer Qualität mehr Eindringlinge“ anlocken. Das hat zynischen Beiklang.

Im Obergeschoss empfängt linkerhand ein in Blaulicht getauchter, labyrinthartiger Vorhang aus mehreren tausend Duftstreifen, die teils mit einem Guerlain-Parfüm besprüht sind: der 1912 entwickelten, ein pudriges Aroma verströmenden Komposition „L’heure bleue“. Jacques Guerlain schickte sie im Krieg den Kumpanen im Feld per Luftpost. Dazu lässt Griffith über vier im Raum verteilte Lautsprecher von ihr interviewte Parfumeure und Künstler elementare Geruchserlebnisse umschreiben. Die olfaktorische Palette reicht von Lindenduft am Grab Heines bis hin zu Wasseraromen, hier eine unbeschwerte Kindheit, da traumatisierende Fremdheitserfahrungen konservierend. Kommt die eigene Erinnerungsmaschinerie in Gang, lädt sich dieser Raum, in dem sich mit den Augen riechen und den Ohren sehen lässt, synästhetisch auf.

Noch drei weitere Installationen setzen auf Duft-Kunst – ohne an die künstlerische Intensität der „Turbulent souvenirs“ betitelten „L’heure bleue“-Arbeit heranzureichen. Dabei ist der Ansatz von „Out-Sight-in“ vielversprechend: Auf Spaziergängen in Paris sammelte Griffith 2001 Gerüche, die sie später synthetisch herstellen ließ und nun in Metallkästen ausstellt, auf denen ihre Wegstrecke ausgestanzt ist und so den Geruch ausströmen lässt. Gegenüber hängen Fotografien einer sie seinerzeit begleitenden Blinden, die per Kamera markante Geruchsbilder festhielt. Das ergibt eine Art Spiegelkabinett überkreuzter Sinne: Eine Blinde sammelt auf Fotos Geruchsspuren, während eine Sehende die Undarstellbarkeit von Düften sichtbar zu machen sucht.

Im Raum daneben spielt Griffith vom Berliner Institut für Planetenforschung kommende, von ihr in futuristischer Manier nachbearbeitete Satellitenbilder von Planeten ein und kombiniert diese mit (in Glaskolben aufbewahrten) imaginären Geruchsproben von Mars und Venus, deren Odeur sich angeblich aus deren chemisch-physikalischer Beschaffenheit speisen soll. Eine weder konzeptuell noch ästhetisch überzeugende Spielerei. Ähnlich wie eine im Inneren beleuchte (Welt?)-Kugel nebenan, in der die Grenzverläufe zwischen Syrien und Deutschland als übereinander liegende, perforierte Linien eingestanzt sind. Hält man die Nase dran, erhascht man ein Aroma, das ein syrischer Flüchtling Griffith en détail als das seiner Heimat beschrieb. Die Pointe: Just Grenzen werden in Gestalt der Perforierungslöcher zur Öffnung. Bringt man so das Migrationsthema durch die Hintertür?

Zuletzt noch ein Höhepunkt: „Brainscape“, ästhetisch bestechend, zeigt eine Art Flug durch Griffiths Gehirnlandschaft in Gestalt eines extrem vergrößerten CTs, unterlegt von knarrzenden Celloklängen. Ihr Inneres wird zum Planeten, wir stehen davor auf abschüssigem Grund. Wobei unsere Ergriffenheit erneut zum Wahrnehmungsspiel wird. Wird doch im Raum ein Neurotransmitter verströmt, der unsere Empathiefähigkeit erhöht.

Helga Griffith’ Installation „Turbulent Souvenirs“(2002, 2017), bestehend aus Tausenden von Duftstreifen. Foto: Griffith/Stadtgaleie Saarbrücken/Helga Griffith

Vernissage heute (19 Uhr). Bis 14. Januar (Di bis Fr: 12-18 Uhr, Sa/So: 11-18 Uhr)