Mit dem gelben Schal des Protestes

Mit dem gelben Schal des Protestes

Beim Rückblick auf die 60er, 70er, 80er und 90er werden SZ-Redakteure „nostalgisch“ Heute: Erinnerungen an friedensbewegte Zeiten und inspirierende Kirchentage.

Am kommenden Mittwoch ist es wieder soweit: Tausende Menschen treffen sich zum 36. Evangelischen Kirchentag. Dieses Mal findet die spirituell-politisch-theologische Massenveranstaltung in Berlin und Wittenberg statt. Ich fahre auch mal wieder hin. Als ich 1987 zum ersten Mal einen Kirchentag besuchte - damals in Frankfurt - war die Abschaffung der Apartheid in Südafrika eines der brennendsten politischen Ziele jener Zeit. In irgendeiner Kiste auf dem Dachboden muss immer noch der sonnengelbe Kirchentagsschal liegen, auf dem die Skyline der Bankenmetropole zu sehen war, vor der sich zwei schwarze Hände aus Ketten befreien. Damals kündigte der Kirchentag gar seine Konten bei der Deutschen Bank, die im Ruf stand, den Apartheidstaat zu finanzieren.

Likes, Posts und Emoticons gab es nicht, dafür aber eine Menge Buttons und Aufkleber an Taschen, Jacken oder auf dem Auto. Wo heute Apple-Logos prangen, klebten in den 80ern jedenfalls Friedenstauben, Regenbögen, lila Venussymbole. Die Friedens- und Umweltbewegten trugen Jute statt Plastik mit sich herum und unsere Initiative zur Müllvermeidung feierte Dorffeste erstmals ganz ohne Plastikmüll. Belächelt von vielen, aber mit stolzer Überzeugung, an der Rettung der Schöpfung mitzuwirken, spülten wir bis in die Nacht hunderte Gläser und Teller mitten auf dem Dorfplatz. Wochenends ging es wahlweise zur Demo gegen die geplante Müllverbrennungsanlage um die Ecke - umsonst, denn die MVA Felsen steht - oder zum Friedensmarsch mit selbstgezimmerten Holzkreuzen gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen im Hunsrück.

Die sind auch weg. Trotzdem ist die Welt nicht friedlicher.

Wer etwas mitzuteilen hatte, malte Plakate, schrieb für die Schülerzeitung oder sammelte Unterschriften. Alles analog. Die ganz ernsthaften Weltverbesserer mahlten ihr Bioladen-Müsli selbst und fanden meist Birkenstocks zu Wollsocken und selbstgestrickte Pullover in Übergröße très chic. Es fuhren auch noch viele grüne Enten und rote Käfer.

Die ,,Müslis" sind zu "Hipstern" mutiert, Enten und Käfer haben schon die Generation Golf kaum überlebt. Und ich? Ich schlafe jetzt bequem bei Freunden statt auf der Luftmatraze in der Kirchentags-Massenunterkunft. Statt Aktivistin bin ich Zeitungsredakteurin geworden. Auch die wollen ja bekanntlich die Welt verbessern (Nein, lachen Sie jetzt nicht!). Der Kirchentagsschal ist dieses Jahr übrigens orange und trägt den Spruch "Du siehst mich."

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