„Mehr Begegnungsräume schaffen“

„Mehr Begegnungsräume schaffen“

In zehn Monaten beginnt Bodo Busse seine erste Spielzeit in Saarbrücken. Gestern stellte er sein künstlerisches Führungsteam vor und versprach langfristig einen Saarbrücker Ring.

Alles neu macht der Busse? So dann doch nicht. Am Theater heißt es, Zeichen zu lesen. Insofern war die gestrige Pressekonferenz im Staatstheater, in der der designierte Saarbrücker Generalintendant seine Führungsmannschaft präsentierte, ein klares Statement.

Denn Bodo Busse hatte nicht nur die sechs von ihm Neuengagierten an den Tisch gebeten, von der Pressechefin bis zum Chefdisponenten. Sondern alle, mit denen er 2017/2018 an den "Neustart" geht. Wohl mehr als eine Höflichkeitsgeste. Busse bekannte sich gestern noch einmal ausdrücklich zu einem Theater der flachen Hierarchien und des spartenübergreifenden Austauschs.

Dieser Familiengeist umfasst, auch jene, die Busse wegen laufender Verträge übernehmen musste: den kaufmännischen Geschäftsführer Matthias Almstedt, den Technischen Direktor Ralf Heid, Ballettchef Stijn Celis und Generalmusikdirektor Nicolas Milton. Wodurch gestern dann auch zwei Überraschungen publik wurden. Almstedt, dessen Vertrag von der Landesregierung im Sommer ausdrücklich nicht verlängert worden war, bleibt nun doch - bis 2019/2020. Und Ballettchef Celis will Busse sogar bis 2020/2021 halten.

Insgesamt hat der neue SST-Chef eine Führungsstruktur geschaffen, die durch Doppel-Spitzen und -Verantwortlichkeiten zum Teamgeist zwingt. Im Musiktheater agiert er selbst als programmatischer Operndirektor und gelegentlicher Regisseur, die organisatorische Entlastung übernimmt Chefdisponent Alexander Reschke. Die Sparte 4 wird zukünftig von der Theaterpädagogin und Partizipations-Expertin Luca Pauer gemeinsam mit dem Multi-Talent Thorsten Köhler geführt. Beide arbeiten derzeit in Busses Coburger Team und stehen dort für originelle Formate und viel Ideenpower. Auch das Schauspiel bekommt eine gleichberechtigte Doppelspitze. Die Regisseurin Bettina Bruinier, die sich an großen Bühnen und in großen Feuilletons behauptet, verantwortet Profil wie Programmatik gemeinsam mit Horst Busch, derzeit stellvertretender Schauspieldirektor am Nürnberger Staatstheater. Beide sehen Theater nicht als Programmdiktatur, sondern als einen vom Publikum mitgesteuerten "kommunikativen Prozess".

Busse führte aus, dass es ihm, dem Musiktheater-Fachmann, bei der Besetzung des Schauspiel-Vorstands darum ging, eine stil- und niveaubestimmende "starke Regiehandschrift" zu installieren. Er schätzt Bruiniers "bildhafte Regiesprache" und auch, dass sie in der Lage sei, "klassische Stoffe nicht zu entrücken, sondern an uns heranzurücken". Die Pressekonferenz in Anwesenheit von Kulturminister Ulrich Commerçon verlief in sichtlich aufgeräumter Atmosphäre. Die neue SST-Spitze präsentierte sich jedenfalls als munter-fidele Truppe, die gern miteinander lacht.

Als roter Faden zog sich das Thema Vermittlung und Publikumsbeteiligung durch alle Einzelstatements. Man will "mehr Begegnungsräume" zwischen Künstlern und Bürgern schaffen. Hauptort dafür wird offensichtlich die Sparte 4, die man für alle Sparten öffnen will, vor allem aber für Projekte, die mit den Bürgern zusammen stattfinden sollen, von der legeren Zusammenkunft bis hin zu Produktionen. Luca Pauer definierte sich als "Pädagogin von Kopf bis Fuß, für Menschen jeglichen Alters." Thorsten Köhler, als "Gesamtkunstwerker" vorgestellt, will "nicht sitzen bleiben auf dem, was man schon kann." Zur Spielzeiteröffnung wollen die beiden vier Wochen in der Sparte 4 wohnen und die Tür öffnen für Besucher. Wobei in der Sparte 4 nicht etwa "kleine Kunst" gemacht werden soll: "Wir sind nicht die Rappelkiste, in der sich die Theaterleute austoben", so Köhler. Der zukünftige Chefdramaturg Busch sieht die Sparte 4 sogar als "Atomzelle", aus der heraus das SST neues Publikumswachstum gewinnen soll. Christoph Diems Erfindung scheint ein Lieblingskind der neuen Truppe.

Die möchte eine Gleichwertigkeit aller drei Spielstätten erreichen, auch aller drei Sparten. Instrumente? Durchmischung, Durchlässigkeit.

Grenzüberscheitung definiert man außerdem auch geographisch als Programm, und unter Frankreichbezug verstehen alle mehr, als nur französische Autoren zu spielen und mit französischen Theatern zu kooperieren. Frankreich soll in der ersten Spielzeit als Wiege von Aufklärung und Demokratie Thema werden. Stücktitel waren gestern nicht zu hören, das sei Sache der Spielplan-Pressekonferenz. Als grobe Linie enthüllte Busse jedoch schon: "Ich stehe für Belcanto und Barock." Und er griff sogar noch weiter in die Zukunft: Er will einen Saarbrücker "Ring" stemmen. Bettina Bruinier (geb. 1975) startete nach ihrem Studium der Opern- und Schauspielregie in München ihre Theaterlaufbahn als Regieassistentin unter anderem am Deutschen Theater Berlin, wo sie etwa mit Armin Petras, Dimiter Gott scheff und Michael Thalheimer arbeitete - drei Regie-Topkalibern. Danach war sie als freie Regisseurin an großen Bühnen engagiert und nahm zwischen 2009 und 2011 ein Engagement als Hausregisseurin am Schauspiel Frankfurt an. Zwischenzeitlich inszenierte sie auch im Musiktheater, etwa für die Semperoper Dresden. Zusammen mit Horst Busch bildet Bettina Bruinier am SST das Schauspiel-Tandem. Horst Busch (geb. 1961) wird in Saarbrücken Chefdramaturg. Und kehrt damit an den Ort zurück, an dem er 1989/1990 nach seinem Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft sein allererstes Engagement als Dramaturg hatte. Von 1998 bis 2004 war Horst Busch Chefdramaturg und persönlicher Referent von Generalintendant Thomas Bockelmann in Münster, danach wechselte er in gleicher Funktion mit Bockelmann ans Staatstheater Kassel. Seit 2011 ist Busch leitender Schauspieldramaturg am Staatstheater Nürnberg. Dort arbeitete er auch mit Bettina Bruinier, mit der Busch jetzt in Saarbrücken die Schauspiel-Doppelspitze bildet. Luca Pauer (geb. 1988) bringt Bodo Busse aus Coburg mit. Sie ist dort Leiterin des Jungen Landestheaters und Theaterpädagogin. Nach ihrem Studium (Theater- und Medienwissenschaft/Pädagogik) startete sie an der "Theaterwerkstatt Heidelberg" ihre Berufslaufbahn, wurde Leiterin der Theaterpädagogik bei den Luisenburg-Festspielen Wunsiedel. Als Leiterin des Jungen Landestheaters Coburg setzte sie Produktionen für das Kinder- und Jugendtheater sowie für den Senioren- und Jugendclub um. Unter anderem erarbeitete sie 2016 mit 50 Coburger Bürgern ein generationenübergreifendes Großprojekt, das Biografien mit Sagenstoffen verwob. Thorsten Köhler (geb. 1978) folgt Bodo Busse aus Coburg ans SST. Köhler ging direkt nach dem Abitur ans Theater, arbeitete als Ausstattungsassistent und wurde dann als Schauspieler entdeckt. Mittlerweile gilt er als Allzweckwaffe, arbeitet als Transvestit, Regisseur, Autor sowie Bühnen- und Kostümbildner. In Coburg ist er derzeit als Schauspieler engagiert, bleibt jedoch ein Allrounder. Zusammen mit Theaterpädagogin Luca Pauer, mit der in Saarbrücken die Sparte 4 verantworten wird, rief er etwa das Projekt "Refugium Theater" ins Leben, das Coburger Bürger mit Flüchtlingen in Kontakt bringt. Auch leitet Köhler in Coburg einen politischen Salon.

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