Man hofft auf 20 000 Gäste

Man hofft auf 20 000 Gäste : Eine „Buchmesse Saar“ steht vor der Gründung

Frankfurt – Leipzig – Saarbrücken: Das Saarland soll im Juni 2020 erstmals zum Buchmesse-Standort werden. Die Organisatoren peilen 20 000 Gäste an.

Braucht das Saarland eine Buchmesse? Wer so fragt, denkt bereits in einem zu kleinen Karo. Die Brücke, die Benjamin Kiehn und Karsten Wolter bauen wollen, reicht von Leipzig über Saarbrücken bis Frankfurt, sprich, sie ordnen ihre Veranstaltung zwischen den Top-Events der Branche ein, die bis zu 300 000 Besucher melden. Die beiden Saarländer – der eine Buchhändler, der andere Messe-Manager – sehen überregionalen Bedarf und eine gute Chance für ein Nischenprodukt.

 „Wir haben vor allem die kleineren Verlage im Visier“, sagt Kiehn. „Wir schließen eine Lücke“, meint Wolter. Sie verweisen unter anderem auf einen offenen Brief der Interessengruppe unabhängiger Verlage im Deutschen Börsenverein. Im Oktober vergangenen Jahres forderte deren Sprecherkreis die Geschäftsführung der Frankfurter Buchmesse und den Vorstand des Deutschen Börsenvereins auf, einen weiteren Bücher-Verkaufstag für Frankfurt zuzulassen, zusätzlich zum Sonntag, um der „Erwartungshaltung“ der Besucher entgegen zu kommen. Zudem könnten sich kleinere Verlage auf diese Art refinanzieren, die mit den Standmieten überfordert seien, hieß es.

Das Saarbrücker Modell berücksichtige diese Überlegungen, so Kiehn und Wolter. Geplant ist eine  Publikumsmesse, die Begegnungen mit Autoren und den Buchverkauf in den Mittelpunkt rückt. Veranstaltungsort wird die Saarlandhalle sein, 200 Aussteller sollen Flächen buchen, 40 Lesungen und Vorträge sind geplant, 20 000 Besucher sollen an drei Tagen (19. bis 21. Juni) kommen. Zuviel Ehrgeiz? Einen ersten großen Schub kann der Freitag bringen, der als kostenloser „Open day“ für alle Kindertagesstätten und Schulen konzipiert ist. Samstags sorgt dann eine Lese-Gala in der zusätzlichen Location Congresshalle für Zusatz-Gäste.

Mit all diesen Details und einem Flyer geht Wolter dieser Tage auf der Leipziger Buchmesse vor allem bei den größeren Verlagen auf Akquise, denn Kontakte zu den kleineren Verlagen, insbesondere im Segment Fantasy, sind längst vorhanden. Doch nichts ist gefährlicher für eine breit angelegte Buchmesse als eine Profil-Festlegung zum Start als Genre-Event. Die Saar-Buchmesse-Macher wissen um dieses Risiko und auch, dass Buchungen bekannter Belletristik-Verlage das Eintritts-Billet sind, um bei anderen  Verlagen überhaupt Interesse für den Saarbrücker Messe-Neuzugang zu wecken. Erst wenn eine bestimmte Zahl an Vorbuchungen erreicht ist, gehen Kiehn und Wolter ins Risiko, das sie mit rund 200 000 Euro beziffern. Im Sommer  entscheidet sich, ob es zur  Erstausgabe kommt.

 Wolter kennt sich in Leipzig aus. Denn er ist nicht nur Inhaber der Buchhandlung „Drachenwinkel“ in Diefflen, die sich mit rund 50 Lesungen pro Jahr als Literatur-Veranstaltungs-Institution etabliert hat, hauptsächlich im Bereich Fantasy. Wolter hat zudem mit seiner Werkzeugs Kreativ KG als Partner der Leipziger Buchmesse jahrelang Lese-Treffpunkte organisiert. Als diese Kooperation 2016 endete, wuchs die Idee, im Saarland etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, zusammen mit Kiehn. Der ist hauptberuflich bei der Illinger Firma ProWin beschäftigt, managt auch dort Großveranstaltungen und hat 2014 in Reden das Fantasy-Festival „Fark“ aus der Taufe gehoben. Ein Überraschungserfolg mit bis zu 40 000 Besuchern, die unter anderem auch kommen, um ihre Autoren zu treffen und um sich mit Szene-Literatur zu versorgen. Laut Kiehn sind bei der Fark rund 80 Verlage und selbstverlegende Autoren mit von der Partie. Zum Vergleich: Die HomBuch, die im September stattfindet, hat rund 40 Verlage im Angebot und meldet über zwei Tage 2000 Besucher. Der Buchhändler Wolter war und ist dort laut eigenem Bekunden mit von der Partie, doch er sieht dort Stagnation. Trotz guten Niveaus sei die HomBuch in acht Jahren nie zu landesweiter Bedeutung gewachsen, obwohl dies durchaus ein Ziel gewesen sei: „Wir dachten uns, da muss doch noch mehr gehen. Aber wir treten nicht in Konkurrenz und wir wollen mit der HomBuch kooperieren und uns gegenseitig bewerben.“

Ulrich Burger, der die HomBuch managt, wollte sich zur neuen Buchmesse gegenüber der SZ nicht äußern. Kiehn und Wolter betonen, dass sie niemandem in die Quere kommen wollen, weder der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse noch dem just am 30 März startenden Lesefestival „Erlesen“, das die Buchhändler tragen.

Wunschdenken, typisch saarländische Konflikt-Ausblendung? Erstaunlicherweise hört man auch von einer nicht-saarländischen Branchenkennerin Ähnliches: Alle Veranstaltungen hätten gute Chancen auf Zuspruch, sagt Stefanie Brich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: „Wir begrüßen jede Aktivität, die sich mit dem Buch beschäftigt. Wir können gar nicht genug tun, um Menschen an das Buch heranzuführen.“ Ganz ausdrücklich und mit viel Optimismus begrüßt die Geschäftsführerin des Landesverbandes Hessen-Rheinland-Pfalz-Saarland die Buchmessen-Idee: „Ich war sehr froh über diese Nachricht.“ Der Börsenverein werde die Aktivitäten „operativ“ unterstützen.

Buchhändler Karsten Wolter. Foto: Wolter. Foto: Wolter
„Fark“-Messe-Gründer Benjamin Kiehn. Foto: Elke Jacobi. Foto: Elke Jacobi

Benjamin Kiehn und Karsten Wolter besitzen laut Brich die notwendige Professionalität, sie seien gut vorbereitet gestartet: „Ich traue den beiden zu, dass sie das stemmen.“ Ob die Saarbrücker Veranstaltung freilich so stark wird, um sich neben Frankfurt und Leipzig auf die überregionale Branchen-Landkarte zu setzen, soviel Prophetie will die Börsenverein-Expertin dann doch nicht wagen. Sie berichtet von einem Aufschwung lokaler Buch-Events, aber: „Meines Wissens hat  bisher keine dieser Messen wie jetzt in Saarbrücken einen überregionalen Anspruch erhoben.“ Der erste Schritt zum Erfolg sei jedoch, sich überhaupt ein solches Ziel zu setzen – und den Start zu wagen.

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