Londons Tate-Kunstgalerien spielten immer konsequenter die Gender-Karte

Kunstpolitik : Abhängen der Männer, ganz wörtlich genommen

Die vier Londoner Tate-Galerien preschen bei der Gleichstellung von Mann und Frau in der Kunst auf resolute Weise vor.

(dpa) Als die Literaturwissenschaftlerin Maria Balshaw zur ersten weiblichen Direktorin in der 120-jährigen Geschichte der renommierten Tate-Museen ernannt wurde, sagte sie zu ihrer Berufung: „Es ist nicht wichtig und doch sehr wichtig.“ Nach knapp zwei Jahren im Amt als Nachfolgerin von Nicholas Serota weht in allen vier Häusern der Tate-Familie frischer Wind: Die Mission ist, bei zeitgenössischen Ausstellungen eine Geschlechtergleichheit von 50:50 zu erreichen, die Vielfalt der Kunst von allen Kontinenten und Ethnizitäten zu vermitteln und neue Schichten von Besuchern anzuziehen. „Wir müssen die gesamte Gesellschaft ansprechen“, sagte Balshaw (49) dem „Guardian“.

Mit ihrem jüngsten Projekt macht die Tate Britain nun Schlagzeilen: Im Mutterhaus der Gruppe, wo britische Kunst von 1500 bis heute gezeigt wird, werden in der Sektion „Zeitgenössische Kunst der letzten 60 Jahre“ die Werke männlicher Künstler abgehängt. In „Sixty Years“ wird stattdessen über neun Räume die Geschichte von Künstlerinnen von 1960 bis heute erzählt: von Bridget Riley bis Rachel Whiteread, Sarah Lucas und Tomma Abts. Balshaw hofft, dass die Besucher es gar nicht merken.

Andrea Schlieker, Ausstellungs-Direktorin in Tate Britain, hält das Projekt für zeitgemäß, will in ihm aber „keine explizit feministische Schau“ sehen. „Uns geht es darum, die Internationalität in der britischen Kunstentwicklung aufzuzeigen“, sagte Schlieker. Unter anderem sind Werke der Video-und Installationskünstlerinnen Susan Hiller und Mona Hatoum zu sehen sowie ein Gemälde der deutschen Künstlerin Tomma Abts, die 2006 den Turner-Preis gewann. „Wir wollen den internationalen Aspekt von ,British­ness’ betonen, besonders in dieser aufwühlenden Zeit des Brexit“, sagte Schlieker. „,Britishness’ ist für uns eine Mischung aus ganz verschiedenen Nationen, die sich als ein Teil dieses Landes fühlen, auch wenn sie keinen britischen Pass haben.“

In der thematisch angelegten Serie von rund 60 Arbeiten von 30 Künstlerinnen würden auch Fragen von „politischer Geografie“, Identität, Farbe und Geschlechtern angesprochen. So zeigt beispielsweise die britisch-afro-karibische Künstlerin Sonia Boyce nicht ohne Humor eine Fotoserie, in der verdutzte Passanten auf unterschiedlichste Weise auf das Aufsetzen einer Afro-Perücke reagieren.

Im nächsten Jahr wird mit weiteren Soloschauen von Frauen noch einmal nachgelegt. Außerdem plant die Tate Britain eine Umhängung ihrer gesamten Sammlung „von unten her“, mit der Neuschreibung von Bildtexten und der Präsentation bislang zu wenig beachteter Kunst, wie Schlieker ankündigt. Dabei solle nicht nur das koloniale Erbe der Sammlung kritisch unter die Lupe genommen werden, auch Fragen wie Gender und Hautfarbe sollen neu bewertet werden. „Wir versuchen, alles aufzumischen und die Kunstgeschichte weitgehend umzuschreiben.“

In der Tate Modern, dem Schwesternhaus für Moderne Kunst, verfolgt Direktorin Frances Morris, seit sie das Haus 2016 von Chris Dercon übernommen hat, dasselbe Gleichheitsprinzip mit einer nicht abreißenden Kette von Soloschauen für weibliche Künstlerinnen – von Anni Albers bis Dora Maar und Dorothea Tanning. Nicht ohne Stolz wird in der Tate darauf hingewiesen, dass in drei ihrer vier Häuser inzwischen Frauen die Direktion führen und dass der begehrte Turner-Kunstpreis in den vergangenen acht Jahren sechsmal an Frauen vergeben wurde. „Wir leben in einer positiven und fruchtbaren Zeit für die Frauenkunst“, sagte Balshaw unlängst dem Fernsehsender „Sky News“.

Die Tate Britain wurde 1897 von dem Zuckerfabrikanten Henry Tate als die Nationalgalerie für Britische Kunst gegründet. Seitdem entstanden die Tate Modern, die Tate Liverpool und die Tate St. Ives in Cornwall mit insgesamt mehr als acht Millionen Besuchern jährlich.

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