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Linos Ensemble legt CD-Box vor.

Linos Ensemble : Schönbergs Schätze ausgegraben

Das Linos Ensemble entführt mit einer CD-Box in die Geburtsjahre der musikalischen Moderne. Geleitet wird das Ensemble von Mario Blaumer, dem Solo-Cellisten der Deutschen Radio Philharmonie (DRP).

Mitten hinein in eine der fesselndsten Epochen der Musikgeschichte entführt das Linos Ensemble: Mit ihrem 8-CD-Jubiläums-Set „The Chamber Music Arrangements“ taucht die 2017 mit dem Echo-Klassik bedachte Formation in die Geburtsjahre der Moderne rund um die Zweite Wiener Schule ein. Das Mammutprojekt wirft Schlaglichter auf die künstlerische Ausrichtung jenes illustren „Vereins für musikalische Privataufführungen“, der im November 1918 von dem Komponisten Arnold Schönberg aus der Taufe gehoben wurde. Schönbergs Ziel als Vereinspräsident und Programmchef war es, die zahlenden Mitglieder mit zeitgenössischer Musik vertraut zu machen – jenseits des offiziellen Musikbetriebs, unter Ausschluss der Pressevertreter, von deren Kritik Schönberg sich gekränkt fühlte.

Bevor dem „Schönberg-Verein“ nach nur drei Jahren endgültig die Finanzen ausgingen, hatten immerhin knapp 120 nicht öffentliche Konzerte stattgefunden. Da kein komplettes Orchester zur Verfügung stand, wurden eigens aus den Vereinsreihen zahlreiche Bearbeitungen für Kammerensemble hergestellt. Diesen Schatz hat das Linos Ensemble nun gehoben und allerlei Noten daraus in teilweise noch erweiterter, vervollständigter und nach-bearbeiteter Form zum Klingen gebracht. Gleich mehrere Jubiläen kommen hier zusammen: die Geburt des Schönberg-Vereins vor 100 Jahren, der 40. Geburtstag des Linos Ensembles – und obendrein brauchte die Entstehung der acht Stunden Musik fassenden CD-Box genau zwei Jahrzehnte.

Im Booklet schreibt Mario Blaumer, aktueller Linos-Chef und Solo-Cellist der Deutschen Radio Philharmonie (DRP), das Verdienst der Initialzündung zu diesem Großvorhaben dem Gründer des Linos Ensembles, Klaus Becker, im Verein mit Hans Winking zu, dem inzwischen verstorbenen WDR-Kammermusik­redakteur: Er zeichnete als Produzent der drei in Zusammenarbeit mit dem WDR aufgenommenen CDs verantwortlich.

Die übrigen Scheiben wurden ebenfalls in Köln produziert, jedoch beim Deutschlandfunk unter Maja Ellmenreich. Nicht von ungefähr kommt also der Höreindruck eines ausgesprochen warmen und natürlichen Klangs, wie ihn viele traditionelle Hörfunkaufnahmen auszeichnen – und der diese Linos-CDs aus dem Gros aktueller Einspielungen heraushebt: Mittendrin im Geschehen fühlt man sich da, wenn etwa Schönbergs seinerzeit bahnbrechende Kammersinfonie op. 9 erklingt – für Kammerensemble bearbeitet vom Weggefährten Anton Webern, der zudem als Komponist mit seinen Sechs Orchesterstücken op. 6 in der Box vertreten ist. In den originalen Orchesterfassungen bildeten diese Werke zusammen mit Alexander Zemlinskys „Maeterlinck-Gesängen“ übrigens die Werkfolge jenes grotesk-tumultuösen „Watschen- oder Skandalkonzerts“ von 1913 im Wiener Musikvereinssaal. Dieser Eklat gab wohl den entscheidenden Anstoß zu Schönbergs Öffentlichkeits- und Rezensenten-Phobie und somit zur Gründung seines Vereins.

Einem überraschend liberalen Schönberg begegnen wir nun freilich bei der Programmpolitik der Privatkonzerte: Neben Noten des verehrten Gustav Mahler (Anspieltipp: Das Lied von der Erde) und des Mitstreiters Alban Berg (Violinkonzert) findet sich auch ganz und gar Romantisches von Max Reger (Romantische Suite), ja sogar von Anton Bruckner (Siebte Sinfonie) – und obendrein, trotz des im Schönberg-Zirkel rund um den Ersten Weltkrieg aufwallenden Nationalismus, vom französischen Impressionisten Claude Debussy („Prélude à l‘après-midi d‘un faune“).

Kuriosum sind eine Handvoll Strauss-Walzer, eigenhändig arrangiert von Schönberg, Webern und Berg. Bei Vergleichen mit den Orchester-Originalen sind facettenreiche, überraschende und aufschlussreiche Einblicke garantiert, die reduzierte Instrumentierung legt Struktur und Substanz wie unter einem Mikroskop offen. Durchweg packende Hörerlebnisse nicht zuletzt, da die Linos-Musiker mit Verve bei der Sache sind, hinter den Notentext schauen und die Stücke zu ihren eigenen machen. Erste Garnitur sind ebenso die Gäste: Winfried Rademacher (Geige) und die Sangesriege aus Alison Browner, Ivonne Fuchs, Marion Eckstein, Simone Nold, Zoryana Kushpler, Olaf Bär und Markus Schäfer. Unterm Strich also ein Füllhorn voller Entdeckungen – viele dürften wiederholt in den Player gleiten.

Linos Ensemble: The Chamber Music Arrangements. Acht CDs bei Capriccio.