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Lesetipp zum Welttag des Buches Herta Müller Die Atemschaukel

Lesetipp zum Welttag des Buches : Starkes Panorama der Sprache

Die Melde, das unscheinbare Gartenwildkraut, spielt eine ziemlich eindrucksvolle Rolle in diesem Buch. Und wer es gelesen hat, wird nicht mehr an ihr vorbeigehen können, ohne an jenen jungen Mann zu denken, der 1945 eines Morgens abgeholt wird und dem die Familie noch hilft, in einem Grammophonkoffer ein paar Sachen zu verstauen.

Für seinen nackten Überlebenskampf in einem russischen Lager. In "Atemschaukel" schildert Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller eindrucksvoll und wortgewaltig das schicksalhafte Leiden der deutsch-rumänischen Bevölkerung unter der Verfolgung Stalins. Aus tausenden Lebensläufen strickt die Autorin aus Siebenbürgen einige zusammen, die dem Leser regelrecht unter die Haut gehen. Nicht zuletzt aufgrund ihrer unglaublichen Begabung, aus jedem Wort die ihm innenwohnende Kraft herauszuholen, oder sie ihm zu verleihen. Die Verkettungen, Metaphern und sprachlichen Bilder, die Müller in diesem trostlosen Kosmos des Arbeitslagers erschafft sind beeindruckend, fantasievoll und kraftvoll - und voller Bildhaftigkeit.

Wer die Augen ein bisschen ausruhen, und sich in die Hände eines wunderbaren Erzählers begeben will, dem sein die auditive Reise mit dem Hörbuch empfohlen: Hier liest Theater- und Fernsehschauspieler Ulrich Matthes zwar gekürzt, aber mit seiner charakteristischen, sehr präsenten, vertrauten und bewegenden Stimme. Allein die Art, wie seine Stimme klingt, wenn er "Melde" sagt, wird einem eine ganze Weile nicht aus dem Kopf gehen.

Herta Müller: "Atemschaukel". Hanser. 304 Seiten. 19,90 Euro.