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Lasst uns ins Gespräch kommen

Lasst uns ins Gespräch kommen

Zehn Stadtsalon-Diskussionen, fünf Workshops, acht „Utopiacafé“-Nachmittage, fünf Kinoabende und ein Blog zu allem im Netz: Die Sparte 4 des Staatstheaters eröffnet ihre Spielzeit mit sechs „Denkraum-Wochen“ rund um das Thema Migration.

"Ein besseres Projekt wird kaum zu finden sein", meinte gestern, viel Vorschusslorbeer unterm Arm, der frühere Ministerpräsident Reinhard Klimmt. In die Sparte 4 war Klimmt als Beirat der "Globus Stiftung" gekommen - einem der Hauptsponsoren des "Projekts" neben den vier Parteistiftungen von CDU, SPD, Grünen und FDP und der Landeszentrale für politische Bildung. Der Ex-MP zielte auf die "Denk raum-Wochen" (22. September bis 30. Oktober), mit denen die Sparte 4 ihre Rolle als Experimentierfeld des Staatstheaters und Hinterfragungsstätte virulenter sozialer Prozesse bestens auszufüllen verspricht. Zu umreißen, was hinter dem unter das Motto "Was werden wir werden?" Gepackten steckt, darum ging es gestern in der schon mal wohnzimmermäßig mit Lümmelsofa, Deckchen und Plattenspieler hergerichteten Sparte.

Mit einem Wort: Es wird um Migration gehen. Wobei keine Theater- sondern Diskussionsabende geplant sind, die thematisch ein weites Feld beackern wollen, das fruchtbar zu werden verspricht. Vielleicht ist Diskussionsabende ein ganz falsches Wort, weil es etwas suggeriert, was die Initiatoren Christoph Diem (Leiter der Sparte 4) und Bettina Schuster-Gäb (Schauspieldramaturgin) gerade nicht wollen: ein routiniertes, folgenloses Abspulen und Abhaken bekannter Positionen. In einen offenen, scheuklappenlosen Dialog treten möchten sie - mit hier lebenden Muslimen, mit Flüchtlingen, mit allen an Verständigung statt Ausgrenzung interessierten Bevölkerungsgruppen. "Die Fragen, die wir dabei generieren, interessieren uns mehr als die Antworten", umriss Diem die Intention. Ob arabische Mystik oder der Zusammenhang von Radikalisierung und Marginalisierung bei Jugendlichen; ob Säkularisierungstendenzen im Islam oder die aktuelle Asylpolitik: Forscher, Praktiker, Künstler und Publizisten sollen jeweils zu Wort kommen, mit Klischees aufräumen, mit Kritik nicht geizen und im besten Fall im Wechselspiel mit dem Publikum "Lösungen suchen, ohne sie vorher zu kennen". Eine keine der üblichen Argumentationsschablonen bedienende, sich aber auch nicht in Sozialromantisierungen ergehende Denk- und Recherche-Werkstatt schwebt Diem und Schuster-Gäb idealiter vor. "Wenn Migranten uns fragen, was sie nicht verstehen an Deutschland, werden wir verstehen, was wir nicht verstanden haben", umriss Diem die Dialektik. Eine Gefahr lauert dabei: zu viel social correctness und Schulterklopfen. Verklärung statt Erklärung.

Ein Bustransfer soll interessierte Flüchtlinge aus Lebach und sonstwo in die Sparte bringen, dazu jede Veranstaltung simultan ins Arabische gedolmetscht werden. Im Zentrum werden zehn Stadtsalons stehen, für die als Impulsgeber jeweils namhafte Spezialisten gewonnen wurden. Etwa der Münsteraner Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Milad Karimi, die tunesische Dramatikerin Meriam Bousselmi, die deutsch-türkische Journalistin Cigdem Toprak, die islamische Frauenrechtlerin und Kulturwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi oder der CDU-Bürgermeister Andreas Hollstein, der zur Zeit der größten Flüchtlingswelle mit Blick auf seine Stadt Altena ausrief: "Wir wollen mehr Flüchtlinge." Dazu gibt es Workshops, Café-Nachmittage, bei denen islamische Sozialprojekte ihre Arbeit vorstellen, Filmvorstellungen.

In der vergangenen Spielzeit, als das Migrationsthema gesellschaftlich alles überlagerte, fanden das SST und die Sparte 4 kein Echo darauf. Vielleicht wollte man bewusst nicht aufspringen auf den großen, meinungsversessenen Diskurszug, der die Runde machte. Doch dürfte es schwer an Christoph Diem genagt haben, wäre er mit seiner auf "Interventionen" angelegten Sparte dauerhaft außen vor geblieben. Die Grundkonzeption der mit Bettina Schuster-Gäb entworfenen "Denkraum-Wochen" wirkt schlüssig: den Gekommenen das Hier näher bringen und uns von ihnen erzählen zu lassen, was sie hinter sich gelassen und nun alles vor sich haben.